Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) baut die städtische Medienförderung weiter aus. Rund sechs Millionen Euro stehen für die kommenden Jahre bereit. Ein Blick auf die bisherige Förderliste zeigt: Migration, Diversität und Klima sind wiederkehrende Schwerpunkte – bei den konkreten Einzelbeträgen pro Projekt bleibt die Wirtschaftsagentur jedoch meist intransparent.
Sieben Klimareportagen auf Farsi
Ein Beispiel ist das Projekt „Unsere Erde, unsere Zukunft“ des Vereins OXUS, der 2025 eine Medienstart-Förderung erhielt. Geplant waren sieben Reportagen auf Farsi über globale und regionale Umweltkrisen, Ressourcenschonung, Recycling und praktische Maßnahmen zum Umweltschutz. Ziel laut Wirtschaftsagentur: afghanische Geflüchtete und die Diaspora für Umwelt- und Klimaschutz zu sensibilisieren. Das Projekt wurde tatsächlich umgesetzt, OXUS führt das Format weiterhin. Nur eine Zahl fehlt in der öffentlichen Förderliste: die konkret bewilligte Fördersumme.
Weitere fremdsprachige und Diversitätsprojekte
OXUS ist nicht das einzige Farsi-Projekt: Bereits zuvor erhielt das „Magazin für farsisprechende Kinder in Diaspora“ von Mercede Ameri eine Förderzusage. Der Verlag Jivan wollte damit Kindern in der Diaspora eine Alternative zu Medien aus persischsprachigen Herkunftsländern bieten, die laut Projektbeschreibung vielfach ideologisch geprägt seien – Themen: Kultur, Traditionen, Menschenrechte und ausdrücklich „Gender Equality“. Auch der queere Podcast „GenClash: Queer Perspectives on Current Affairs“ des Kunst- und Kulturvereins Deraffe (bekannt für GAY45) erhielt eine Förderung, ebenso ein anschließendes „Queer Kultur Journalismus Camp“ desselben Trägers. Bereits 2022 wurde zudem der Podcast „alles stabil mit Alexandra Stanic“ gefördert, den die Wirtschaftsagentur ausdrücklich als Blick der Journalistin aus ihrer „migrantischen, homosexuellen Sicht“ beschreibt. Auch das muslimische Printmagazin QAMAR, das seit 2020 gefördert wird und weiterhin existiert, findet sich auf der Liste.
200.000 Euro für Peter Pilz‘ ZackZack
Beim finanziell konkretesten Beispiel ist die Summe bekannt: 2021 wurde „ZackZack Türkisch – Unsere Türken für unsere Türken“ gefördert, ein Projekt des von Ex-Grünen-Politiker Peter Pilz herausgegebenen Onlinemediums ZackZack. Die Wirtschaftsagentur begründete die Förderung mit rund 450.000 Menschen türkischer Herkunft in Österreich, von denen viele wegen Sprachdefiziten auf türkischsprachige Medien angewiesen seien, die häufig unter Einfluss der türkischen Regierung stünden. Dafür erhielt das Pilz-Medium 100.000 Euro – dieselbe Summe floss zuvor bereits für das Projekt „ZackZack-Community-Journalismus“. Die Wirtschaftsagentur bestätigte beide Beträge gegenüber „Die Presse“, macht insgesamt 200.000 Euro für zwei ZackZack-Projekte. „ZackZack Türkiye“ ging im November 2022 online, der jüngste sichtbare Beitrag auf der weiterhin abrufbaren Seite stammt allerdings vom 13. Juni 2023 – während das Hauptmedium ZackZack selbst auch 2026 weiterpubliziert.
11,3 Millionen Euro seit 2019
Seit dem Start der Wiener Medieninitiative 2019 wurden laut Angaben der Wirtschaftsagentur insgesamt 334 Projekte mit 11,3 Millionen Euro gefördert, allein 2025 waren es 59 Projekte mit 1,6 Millionen Euro. Die Förderung habe seither zusätzliche Investitionen von insgesamt 27,5 Millionen Euro ausgelöst. Auf den Förderlisten finden sich auch Projekte etablierter Medienhäuser, Lokaljournalismus sowie Angebote ohne migrations-, queer- oder klimapolitischen Schwerpunkt. Über die Auswahl entscheidet laut Stadt Wien eine unabhängige Jury.
Transparenzlücke bei Einzelsummen
Die Wirtschaftsagentur veröffentlicht umfangreiche Listen mit Projektname, Fördernehmer und Beschreibung – die konkret bewilligte Summe des einzelnen Projekts fehlt jedoch in der Regel. Dadurch lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Daten nicht ermitteln, wie viel Geld insgesamt an einzelne Träger floss, obwohl manche Fördernehmer – wie ZackZack und Deraffe – mit mehreren Projekten in den Listen auftauchen.
Klima- und Diversitätskriterien fest verankert
Wer sich aktuell für die Medienstart-Förderung bewirbt, muss ausdrücklich die Auswirkungen des eigenen Projekts auf „Umwelt (Schwerpunkt Klimaschutz)“ beschreiben. Direkt danach fragt die Wirtschaftsagentur nach „Diversität auf Projektebene“ – nach Auswirkungen auf unterschiedliche Nutzergruppen, Diversitätsaspekten des Projekts und der Zusammensetzung des Teams; selbst fehlende Diversitätsaspekte sollen begründet werden. Klimaschutz und Diversität sind dabei keine freiwilligen Zusatzangaben, sondern offizielle Bewertungskriterien auf einer Skala von minus zwei bis plus drei Punkten. Hinzu kommt ein Frauenbonus: 500 Euro bei Medienstart, bis zu 10.000 Euro bei der größeren Medienprojekt-Schiene, die künftig Förderungen bis zu 150.000 Euro vorsieht.
Neue Schiene mit bis zu 500.000 Euro pro Projekt
Mit der neuen Förderschiene „Medienkooperation“ will Wien künftig größere gemeinsame Projekte ermöglichen: In der ersten Stufe sind 25.000 Euro für Konzepte vorgesehen, für die anschließende Umsetzung können bis zu 500.000 Euro pro Vorhaben fließen.
Streit im Gemeinderat
Die Aufstockung sorgte im Gemeinderat bereits für Kontroversen. FPÖ-Stadträtin Ulrike Nittmann kritisierte zusätzliche 5,7 Millionen Euro Steuergeld in Zeiten steigender Belastungen und stellte auch die Transparenz der Förderpraxis infrage. SPÖ und NEOS verteidigten die Initiative hingegen mit Verweis auf die Krise der Medienbranche, Qualitätsjournalismus und die unabhängige Jury. Ludwig selbst sieht in einer vielfältigen Medienlandschaft das wirksamste Mittel gegen Desinformation – Wien wolle damit hochwertige Arbeitsplätze sichern und Innovation fördern.
Ein wachsender Fördertopf mit ungeklärten Details
Während für die bisherigen 334 Projekte bereits 11,3 Millionen Euro zugesagt wurden, läuft die nächste Förderrunde bereits – mit tendenziell noch größeren Summen. Ob die Stadt künftig auch die konkreten Einzelbeträge pro Projekt offenlegt, bleibt bislang offen.
Credits: C.Stadler/Bwag – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=93841266 – mit KI-Erweiterung
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