Der Gemeindebau-Skandal um Wiens Donaustädter SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy erreicht eine neue Eskalationsstufe – diesmal nicht aus dem gegnerischen politischen Lager, sondern aus den eigenen Reihen. Die Sozialistische Jugend Wien fordert öffentlich seinen Rücktritt.
„Ernst Nevrivy muss zurücktreten“
Auf Instagram wird die Sozialistische Jugend Wien deutlich: „Ernst Nevrivy muss zurücktreten.“ SJ-Wien-Chefin Lena Stern stellt klar, dass Nevrivys Aussagen zum Gemeindebau mit sozialdemokratischer Politik nicht vereinbar seien. „Halbherzige Entschuldigungen reichen hier nicht aus“, so Stern, es brauche Konsequenzen – Nevrivys Aussagen trügen zum Glaubwürdigkeitsverlust der Politik bei.
„Ich brauche keine 220.000 Sozialwohnungen“
Auslöser der Kritik sind Nevrivys Aussagen bei einem Gespräch am 20. November 2025 im Weinkeller des mittlerweile zurückgetretenen Wiener Wirtschaftskammer-Präsidenten Walter Ruck. Laut den veröffentlichten Protokollen soll der Bezirkschef dort den riesigen Wiener Gemeindewohnungsbestand grundsätzlich infrage gestellt haben: „Ich brauche keine 220.000 Sozialwohnungen.“ 100.000 oder 150.000 würden reichen – eine Rechnung, die theoretisch Zehntausende Wohnungen als verzichtbar erscheinen ließe. Einen Teil könne man demnach „verklopfen“, also verkaufen.
Auch scharfe Kritik an Häupl und der eigenen Partei
Nevrivy blieb laut Protokoll nicht bei diesem einen Satz. Als der damalige Bürgermeister Michael Häupl 2015 ankündigte, Wien werde wieder selbst Gemeindebauten errichten, soll Nevrivy das als „völligen Schwachsinn“ bezeichnet haben. Über die eigene Partei soll bei derselben Kellerrunde zudem der Satz gefallen sein: „Wirtschaften können wir nicht.“
Öffentlich klang es ganz anders
Besonders brisant macht die Affäre der Kontrast zu Nevrivys öffentlichen Auftritten. Erst am 5. Juli 2026 – gerade einmal sieben Wochen vor dem aktuellen Wirbel – stand Nevrivy beim Baustart eines neuen Gemeindebaus in der Melangasse in der Donaustadt, wo im ersten Bauabschnitt 114 neue Gemeindewohnungen entstehen. Damals jubelte er, die Donaustadt brauche leistbaren Wohnraum, der neue Gemeindebau bringe „dringend benötigte Wohnungen“. Bereits im Mai hatte er einen anderen neuen Gemeindebau als „wichtigen Baustein“ für seinen Bezirk gepriesen.
Nevrivy rudert zurück
Seit die Aussagen öffentlich sind, gibt sich der Bezirkschef deutlich zurückhaltender. Er könne sich an den genauen Wortlaut des mutmaßlich widerrechtlich aufgezeichneten Gesprächs nicht erinnern, erklärte Nevrivy. Gleichzeitig betont er sein „bedingungsloses“ Bekenntnis zum sozialen geförderten Wohnbau und stellt klar, mit Investoren niemals über eine Privatisierung gesprochen zu haben.
SPÖ-Spitze bemüht sich um Schadensbegrenzung
Auch die Wiener SPÖ-Spitze versucht, die aufkeimende Privatisierungsdebatte einzudämmen. Bürgermeister Michael Ludwig bekennt sich öffentlich zum Verbleib der Gemeindebauten in städtischem Besitz, Finanzstadträtin Barbara Novak bezeichnet einen Verkauf sogar als „absolutes No-Go“.
FPÖ spricht von „Richtungschaos“
Für die Opposition ist der Widerspruch eine Steilvorlage. Wiens FPÖ-Chef Dominik Nepp sprach bereits am Freitag von einem „Richtungschaos“ bei den Roten: Während Nevrivy Verkäufe ins Spiel gebracht habe, erkläre Novak Privatisierungen zum No-Go. Sein Spott: „In der SPÖ weiß die linke Hand nicht, was die noch linkere Hand tut.“ Auch die Grünen positionierten sich klar gegen Gemeindebau-Verkäufe.
Büro schweigt, SPÖ-Gremien tagen im September
Auf Anfrage von ORF Wien, wie man auf die Rücktrittsforderung der SJ reagiere, ließ Nevrivys Büro lediglich ausrichten, man werde das Posting nicht kommentieren. SJ-Chefin Stern gab zudem an, Nevrivy bereits vor der öffentlichen Forderung persönlich kontaktiert zu haben. Die Gremien der SPÖ Wien tagen im September und werden sich laut Stern „sicher auch zu dieser Causa“ austauschen.
Ein Skandal mit wachsendem innerparteilichem Druck
Mit der Rücktrittsforderung der eigenen Parteijugend erreicht die Affäre eine neue Dimension: Was zunächst als Kritik der politischen Konkurrenz begann, ist mittlerweile mitten in der Wiener SPÖ selbst angekommen – und dürfte spätestens bei den Gremiensitzungen im September zu weiteren innerparteilichen Diskussionen führen.
Credits: Bernhard Holub – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=185997609 I von KI in Querformat erweitert
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