Der britische Wetterdienst schlägt Alarm: Das globale Klimaphänomen El Niño soll in diesem Jahr eine Intensität erreichen, wie sie in den modernen Klimaaufzeichnungen noch nie gemessen wurde. Die Folgen könnten von historischen Dürren in Südamerika bis zu einem neuen globalen Hitzerekord reichen.
„Das größte El Niño seit über einem Jahrhundert“
„Wir erwarten das größte El Niño seit über einem Jahrhundert, mit einem Höhepunkt von über drei Grad – das ist unerhört in den modernen Klimaaufzeichnungen“, zitiert der Sender BBC den Leiter der Langfristprognosen beim britischen Met Office, Adam Scaife. Zum Vergleich: Ein gewöhnliches El-Niño-Ereignis lässt die Meeresoberflächentemperaturen im tropischen Ostpazifik typischerweise um ein bis zwei Grad Celsius steigen, wie Al Jazeera unter Berufung auf den Wetterdienst berichtet. Für die aktuelle Ausprägung sagen die Prognosen jedoch einen Rekordwert von mehr als drei Grad Celsius voraus.
Bereits jetzt außergewöhnlich hohe Werte
Wie stark sich die Erwärmung bereits abzeichnet, verdeutlichte Scaife mit einer weiteren Zahl: Die Temperaturen in der betroffenen Pazifikregion liegen aktuell bereits rund 2,6 Grad über dem gleitenden 30-Jahres-Durchschnitt, wie das Portal „Arab News“ unter Berufung auf das Datenportal „Climate Brink“ der US-Wetterbehörde NOAA berichtet. „Ich habe noch nie ein derart intensives El-Niño-Signal in unseren Prognosen gesehen“, betonte Scaife zusätzlich in einem Blogbeitrag des Met Office. Zur Einordnung, wie außergewöhnlich diese Größenordnung ist: In den vergangenen 75 Jahren gab es laut dem britischen Klimawissenschaftler Bill McGuire nur fünf sogenannte Super-El-Niños – jene Ereignisse, bei denen die Erwärmung 1,5 bis 2 Grad übersteigt. Das bislang extremste davon war das Ereignis von 2015/16.
Das Phänomen im Überblick
El Niño ist im Kern eine periodisch auftretende, massive Erwärmung des Oberflächenwassers im zentralen und östlichen tropischen Pazifik. Normalerweise treiben starke Passatwinde warmes Oberflächenwasser Richtung Indonesien; lässt dieser Wind nach oder kehrt sich um, schwappt das warme Wasser zurück in Richtung Südamerika. Offiziell wird ein El-Niño-Ereignis ausgerufen, sobald die Meeresoberflächentemperaturen im tropischen Ostpazifik für mehrere Monate mindestens 0,5 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt liegen. Das Phänomen tritt im Schnitt alle zwei bis sieben Jahre auf und dauert üblicherweise neun bis zwölf Monate.
Schwere Dürren in Südamerika und im Westpazifik erwartet
Besonders betroffen dürften laut den Meteorologen die Tropen sein. „Wir erwarten wirklich schwere Dürren an Orten wie Südamerika und im Westpazifik“, so Scaife gegenüber der BBC. Auch der Panama-Kanal spürt die Auswirkungen bereits: Die anhaltende Trockenheit sorgt dort für so niedrige Wasserstände, dass der Schiffsverkehr durch den weltweit bedeutenden Kanal bereits deutlich reduziert werden musste, was wiederum zu Staus in globalen Lieferketten führt.
Auch Großbritannien betroffen
Nicht nur die Tropen spüren die Auswirkungen: Für Großbritannien selbst erwartet Scaife im Herbst, konkret rund um November, „verstärkten Regen und stürmisches Wetter“. Er betonte dabei ausdrücklich den langfristigen Charakter der Prognose: „Das sind keine kurzfristigen Wettervorhersagen. Wir sprechen hier von wirklich langfristigen, andauernden Bedingungen.“
2027 könnte 2024 als heißestes Jahr ablösen
Da El-Niño-Ereignisse die globale Durchschnittstemperatur erhöhen, ist es laut dem Met-Office-Wissenschaftler Nick Dunstone inzwischen „sehr wahrscheinlich“, dass 2027 das bisher heißeste Jahr 2024 ablösen wird. 2024 hatte die globalen Temperaturen erstmals um mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen lassen – jener Grenzwert, den sich die internationale Staatengemeinschaft eigentlich langfristig nicht überschreiten wollte. Auch der Direktor des europäischen Klimawandeldienstes Copernicus, Carlo Buontempo, hatte bereits im Jänner gegenüber der Nachrichtenagentur AFP von einem möglichen „erneuten Rekordjahr“ gesprochen.
Verstärkung durch den menschengemachten Klimawandel
Die Bedrohung durch das aktuelle El-Niño-Ereignis wird durch den bereits fortschreitenden, menschengemachten Klimawandel zusätzlich verstärkt. Beide Faktoren verstärken sich gegenseitig und tragen so zu immer neuen globalen Temperaturrekorden bei. Das Met Office warnte in seinem Blogbeitrag ausdrücklich, ein derartiges Rekord-El-Niño würde „zu den bereits bestehenden Belastungen durch den Klimawandel“ hinzukommen – nach einem Sommer, der in Europa bereits von mehreren Hitzewellen geprägt war.
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