Brennende Lagerhallen, verzweifelte Kleinhändlerinnen, ein Präsident, der von notwendiger Kriegsinfrastruktur spricht: Die ukrainischen Drohnenangriffe auf den russischen Online-Riesen Wildberries werfen zunehmend Fragen auf. Ein Bericht des „Spiegel“ zeigt die menschliche Seite der Angriffe – und lässt Zweifel an der offiziellen Begründung aufkommen.
Was Wildberries für Russland bedeutet
Wildberries ist in Russland allgegenwärtig. Wie eine Reporterin des „Spiegel“ in ihrem Videobeitrag schildert, betreibt das Unternehmen mit dem pink-lila Logo allein in ihrem eigenen Moskauer Viertel sechs Abholpunkte – fast jeder Russe bestellt dort Alltagsgegenstände wie Zahnpasta, Toilettenpapier oder Kleidung. Rund die Hälfte des gesamten russischen Online-Handels läuft über die Plattform, die häufig als „russisches Amazon“ bezeichnet wird. Laut Wikipedia-Angaben zum Konflikt hält Wildberries einen Marktanteil von 45 Prozent am russischen Online-Handel, deutlich vor Konkurrent Ozon mit 32 Prozent.
Angriffswelle mit Ansage
Seit dem 17. Juli 2026 hat die Ukraine wiederholt Logistikzentren und Lagerhäuser des Unternehmens angegriffen. Laut Recherchen von rf-news.de wurden binnen einer Woche mindestens neun Zentrallager des Unternehmens weitgehend oder vollständig zerstört. Die „Spiegel“-Reporterin spricht von mindestens 16 attackierten Logistikzentren binnen weniger als zwei Wochen, mit Schäden in Milliardenhöhe. Auch die „Moscow Times“ bestätigt die Serie: Allein bei einem Angriff auf Zentren in den Regionen Moskau und Tambow kamen acht Arbeiter ums Leben, die Reparaturkosten wurden von Branchenexperten auf bis zu 35,8 Milliarden Rubel (rund 457 Millionen Dollar) geschätzt – eine Summe, die Versicherungen voraussichtlich nicht vollständig decken werden.
Selenskyjs Begründung
Präsident Wolodymyr Selenskyj rechtfertigte die Angriffe damit, wichtige Infrastruktur für die russische Kriegsausrüstung zu zerstören. Konkret nannte er laut „Moscow Times“ Bauteile für Drohnen und Navigationsgeräte, die in Wildberries-Lagerhäusern gelagert worden sein sollen. Auch über die Plattform selbst würden mitunter Soldaten Ausrüstung beschaffen, etwa sogenannte „Dynamo-Sender“ oder Glasfaserrollen, die für Drohnensteuerungen genutzt werden können, wie im „Spiegel“-Beitrag erläutert wird.
Experten zweifeln an der Verhältnismäßigkeit
Genau hier setzt die Kritik an. Laut der „Spiegel“-Reporterin sagen Experten, dass der Anteil militärisch nutzbarer Waren im Vergleich zu den überwiegend zivil genutzten Produkten bei Wildberries klein sei. Die Angriffe dürften demnach mehr bezwecken, als lediglich den Zugang zu einzelnen militärisch relevanten Bauteilen zu erschweren. Noch deutlicher äußerte sich ein Vertreter des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte bei einer Pressekonferenz in Genf, wie rf-news.de berichtet: Gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur seien ein Kriegsverbrechen nach humanitärem Völkerrecht.
Das eigentliche Kalkül: Der Krieg soll spürbar werden
Nach Einschätzung der „Spiegel“-Reporterin geht es bei den Angriffen um mehr als reine Militärlogistik: Viele Russen würden den Krieg noch immer als weit entfernt empfinden. Das eigentliche Ziel sei es, den Russinnen und Russen das Gefühl zu vermitteln, nicht nur schutzlos zu sein, sondern auch nicht auf Unterstützung durch den eigenen Staat zählen zu können – der sich bislang bei der Entschädigung betroffener Unternehmer sehr zurückhaltend gezeigt habe. Auch die englischsprachige Wikipedia-Dokumentation zu den Angriffen bestätigt dieses Motiv: Neben der Störung russischer Logistik gehe es der ukrainischen Führung erklärtermaßen auch darum, die russische Wirtschaft zu schädigen und den Rückhalt für den Krieg in der Bevölkerung zu untergraben.
Kleinhändler bleiben auf ihren Verlusten sitzen
Die menschlichen Folgen schildert der „Spiegel“-Beitrag eindringlich: Zahlreiche Verkäuferinnen und Verkäufer, die über die Plattform ihre Waren vertrieben, hätten in Videos berichtet, alles verloren zu haben, ohne zu wissen, wie es weitergehen solle. Eine betroffene Händlerin schilderte, sie habe ihr Konto geöffnet und festgestellt, dass alles zerstört worden sei – sie habe sich hingesetzt und sei in Tränen ausgebrochen. Wildberries selbst habe nach eigenen Angaben schlicht kein Geld, um alle betroffenen Verkäufer für ihre verbrannten Waren zu entschädigen; bislang erhielten nur einige Zehntausend kleinere Unternehmer eine Entschädigung – nach Einschätzung der Betroffenen „ein Tropfen auf den heißen Stein“.
EINORDNUNG
Die Angriffsserie auf Wildberries zeigt exemplarisch ein Dilemma von Selenskyjs aktueller Strategie der „Deep Strikes“ gegen russische Ziele: Während die ukrainische Führung auf konkrete militärische Verbindungen der Plattform verweist, deuten sowohl Experteneinschätzungen als auch die Reaktion internationaler Menschenrechtsvertreter darauf hin, dass die Angriffe in ihrer Wirkung weit über militärisch relevante Ziele hinausgehen – und in erster Linie die russische Zivilbevölkerung sowie kleine Selbstständige treffen, die mit dem Krieg selbst nichts zu tun haben.
Credits: BKA Christopher Dunker
Neueste Kommentare