Er war einer der bekanntesten Experten der Pandemiejahre und gehörte zu den wissenschaftlichen Beratern der damaligen Bundesregierung. Nun rechnet der Wiener Umweltmediziner Hans-Peter Hutter mit einer der umstrittensten Corona-Maßnahmen ab: der Impfpflicht. Sie sei ein “Schnellschuss” gewesen, der “viel Schaden angerichtet” habe.
“Wusste sofort, das geht nach hinten los”
Seine Kritik äußerte Hutter im Interview mit dem “Kurier”, wie “Heute” berichtet. “Als ich das damals im Radio gehört habe, wusste ich sofort, das geht nach hinten los”, erinnert er sich an den Tag im November 2021, an dem die Impfpflicht angekündigt wurde. Dass die Politik angesichts stark steigender Fallzahlen und einer vergleichsweise niedrigen Impfquote darüber nachgedacht habe, sei zwar verständlich gewesen. “Das war aus meiner Sicht ein grober Fehler”, stellt er aber klar.
Kritik an der Politik, nicht an der Impfung
Hutter betont dabei einen wichtigen Unterschied. Seine Kritik bezieht sich laut “Heute” ausdrücklich auf die politische Entscheidung, die Impfung verpflichtend zu machen, nicht auf ihre Wirksamkeit. Nach eigenen Angaben sah er die Maßnahme von Anfang an kritisch. Die Impfungen selbst gelten in der Wissenschaft weiterhin als wichtiges Mittel, das während der Pandemie schwere Verläufe und Todesfälle verhindert hat.
Eine Pflicht, die nie gestraft wurde
Die Geschichte der Impfpflicht in Österreich war kurz. Die damalige ÖVP-Grünen-Regierung kündigte sie im November 2021 gemeinsam mit einem neuerlichen Lockdown an. Im Februar 2022 trat das Gesetz in Kraft, die FPÖ hatte im Nationalrat dagegen gestimmt. Bereits im März 2022 wurde die Pflicht ausgesetzt, bevor Strafen überhaupt verhängt wurden, im Sommer 2022 wurde sie ganz abgeschafft. Österreich war damit das einzige EU-Land, das eine allgemeine Corona-Impfpflicht für Erwachsene beschlossen hatte. Für viele Kritiker wurde sie zum Symbol einer Politik, die das Vertrauen in die Corona-Maßnahmen insgesamt untergraben habe.
Vertrauen in die Wissenschaft beschädigt
Genau diese Folge beschäftigt Hutter bis heute. Die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Institutionen habe in Mitteleuropa gelitten, sagt er. Das könne sich auch auf andere Bereiche auswirken, etwa auf den Umgang mit der Klimakrise. Ein Problem sieht er auch bei der eigenen Zunft: Die Wissenschaft habe zu wenig erklärt, wie Erkenntnisse entstehen und warum es dabei unterschiedliche Meinungen gibt. Für die Zukunft fordert er eine bessere Kommunikation, gerade bei Entscheidungen, die weitreichende Einschränkungen bedeuten.
Gerüstet – aber mit Vertrauensproblem
Für eine neue Pandemie sieht Hutter Österreich fachlich besser vorbereitet als 2020, etwa bei der Impfstoffentwicklung, der Nachverfolgung von Infektionen und der Früherkennung über das Abwasser. Das beschädigte Vertrauen könne aber zum Problem werden. Er hält es für denkbar, dass sich manche Menschen bei einer neuen Pandemie gegen staatliche Maßnahmen stellen. Eine Lehre aus der Corona-Zeit vermisst er bis heute: Wer in der U-Bahn eine Maske trägt, werde noch immer schräg angeschaut. Die politische Aufarbeitung der Pandemie ist indes noch nicht abgeschlossen. Die FPÖ will nach dem laufenden Pilnacek-Ausschuss einen eigenen Untersuchungsausschuss zur Corona-Politik einsetzen.
Credits: Bild von KI erzeugt
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