Sie war 14, als ihr Vater ihr ein Kopftuch reichte und sagte: “Du bist jetzt eine Frau.” Sie weigerte sich. Was danach folgte, schildert eine heute 17-jährige Wienerin nun öffentlich: Beschimpfungen, Schläge und schließlich der Bruch mit ihrer Familie. Inzwischen lebt sie in einer Wohngemeinschaft, ihren Wohnort muss sie geheim halten.
“Ich saß im Wohnzimmer und heulte”
Die Jugendliche, die in den Berichten Aylin genannt wird, kam vor zehn Jahren mit ihrer Familie nach Österreich und besuchte in Wien Volks- und Mittelschule. Ihre Geschichte erzählte sie der “Kronen Zeitung”, “Heute” hat sie aufgegriffen. Mit 14 habe ihr Vater verlangt, dass sie künftig ein Kopftuch trägt. “Ich erinnere mich noch genau. Ich saß im Wohnzimmer und heulte”, sagte sie der “Krone”. Als sie sich weiterhin weigerte, habe die Familie sie unter Druck gesetzt, auch Verwandte im Ausland seien eingeschaltet worden. Familienmitglieder hätten sie beschimpft und ihr mit der Hölle gedroht.
Schläge und eine Gehirnerschütterung
Nach ihren Angaben blieb es nicht bei Worten. Sie berichtet von regelmäßigen Schlägen mit der Hand oder einem Gürtel. Bei einem Streit um ihr Handy habe ihr Vater sie an den Haaren ins Haus gezogen und ihren Kopf gegen die Wand geschlagen, danach das Telefon zerstört. Am nächsten Tag vertraute sie sich in der Schule einer Lehrerin an, die das Jugendamt verständigte. Im Krankenhaus wurde unter anderem eine Gehirnerschütterung festgestellt.
Hilfe durch Schule und Jugendamt
Mit Unterstützung ihrer Lehrerin konnte sich die Jugendliche später aus der Familie lösen. Den Eltern wurde laut den Berichten das Sorgerecht entzogen. Begleitet wurde sie vom Wiener Verein Orientexpress, der Menschen unterstützt, die von Zwangsheirat oder Gewalt in der Familie betroffen sind. Heute besucht sie einen Fortbildungskurs und will eine Lehre beginnen. Zu ihren Eltern hat sie keinen Kontakt mehr, über ihre Mutter spricht sie dennoch mit Zuneigung: Sie habe ein gutes Herz gehabt, sei aber nicht stark genug gewesen, um sie zu schützen.
Abkehr vom Glauben
Auch mit der Religion hat die 17-Jährige gebrochen. “Ich glaube nicht mehr an Gott und auch nicht an ein Buch, das vor mehr als 1000 Jahren geschrieben wurde”, sagte sie der “Krone”. Dass andere Menschen im Glauben Halt finden, könne sie aber nachvollziehen. Ob der Koran Frauen ausdrücklich zum Tragen eines Kopftuchs verpflichtet, ist unter islamischen Gelehrten umstritten, die Verpflichtung wird vor allem aus Auslegungen und Überlieferungen abgeleitet.
Ein Fall in der Kopftuch-Debatte
Die Schilderung fällt in eine Zeit, in der in Österreich intensiv über das Kopftuch bei Mädchen diskutiert wird. Die Regierung hat ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren an Schulen beschlossen, Befürworter verweisen auf den Schutz vor familiärem Druck. Die Jugendliche war allerdings bereits 14, als der Konflikt begann. Ihr Fall zeigt vor allem, wie wichtig Lehrer und Jugendhilfe sein können, wenn Kinder sich jemandem anvertrauen.
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