Eine Rückenoperation, Gerüchte über einen Rollstuhl und schwache Umfragewerte: Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat ein persönliches Jahr hinter sich. Im Interview mit dem “Kurier” blickt er zurück, verteidigt seine Regierung – und teilt so scharf gegen FPÖ-Chef Herbert Kickl aus wie selten zuvor.
“Lust am Zerschlagen”
Die deutlichsten Worte findet Stocker für die FPÖ. “Ich bemerke bei der FPÖ nur eine Lust am Zerschlagen und eine Nähe zur Autokratie”, sagte er laut “Heute”. Er warnte vor einer Politik, die Gruppen gegeneinander ausspiele und auf Polarisierung setze. Dazu kommt ein Vorwurf, den die ÖVP seit Monaten wiederholt: “Herbert Kickl hätte nach der letzten Nationalratswahl regieren können, wollte aber nicht. Er hat entschieden, keine Verantwortung zu übernehmen und lieber in der Opposition zu sein – das kann er offensichtlich auch besser.” Die FPÖ sieht das bekanntlich anders: Nach dem Scheitern der Koalitionsverhandlungen im Februar 2025 machten beide Parteien jeweils die andere verantwortlich. Erst vor gut einer Woche hatte Kickl Stocker einen “Noch-Bundeskanzler ohne Wählerauftrag” genannt.
“Toleranz gegenüber kranken Politikern gering”
Persönlich wird Stocker beim Thema Gesundheit. Vor einem Jahr musste er sich einer Rückenoperation unterziehen. Danach habe er nur längeres Sitzen und Stehen vermeiden müssen und einige Tage virtuell an Regierungssitzungen teilgenommen. “Trotzdem ist schon nach einer Woche die Gerüchteküche hochgekocht”, sagte er. Er habe gelesen, er werde möglicherweise gar nicht zurückkehren oder im Rollstuhl sitzen. “Ich habe persönlich erlebt, dass die Toleranz gegenüber erkrankten Politikern sehr gering ist.” Für Finanzminister Markus Marterbauer, der eine Krebserkrankung öffentlich gemacht hat, findet er lobende Worte: “Seine Disziplin ist bewundernswert.” Er gehe davon aus, dass Marterbauers “pragmatischer Zugang” auch als Vizekanzler erhalten bleibe.
Rote Linie bei Vermögenssteuern
Genau dort zieht Stocker allerdings eine klare Grenze. Marterbauer tritt offen für Vermögens- und Erbschaftssteuern ein, der Kanzler schließt sie kategorisch aus. “Neue Vermögens- und Erbschaftssteuern gibt es sicher nicht, solange ich Verantwortung trage.” Dass gemeinsame Auftritte mit SPÖ und NEOS seinen Kanzlerbonus schmälern, glaubt er nicht. Sie zeigten vielmehr, dass er die drei Parteien zusammenhalte.
“Rendezvous mit der Realität”
Trotz Umfragewerten, die die Koalition weit von einer Mehrheit entfernt sehen, verteidigt Stocker die Bilanz. Er verweist auf die Doppelbudgets, Änderungen bei den Pensionen und die Sozialhilfe-Reform. “Werkbank statt Parkbank”, fasst er seine Linie zusammen. Zudem nennt er die geplante Senkung der Lohnnebenkosten, Entlastungen für energieintensive Betriebe und die Aktivpension ab 1. Jänner. Dass es schwer sei, in Krisenzeiten Zuversicht zu vermitteln, räumt er ein: “Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität.”
Ein Fehler, den er bereut
Auch selbstkritische Töne gibt es. Während seiner Sommertour hatte Stocker gesagt, Kinderbetreuung sei keine klassische Arbeit, und sich danach entschuldigt. “Mir ist ein Satz passiert, der falsch war”, sagte er nun. Kinderbetreuung sei selbstverständlich Arbeit, er habe nur gemeint, dass sie nicht mit bezahlter Erwerbsarbeit gleichzusetzen sei. Bereut habe er die Übernahme der Kanzlerschaft aber nicht: “Wer nicht gestalten will, sollte nicht in die Politik gehen.”
Credits: Christopher Dunker, BKA
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