“And the rest of the chats ‘killed’ the chancellor” – so schrieb Jan Marsalek im Oktober 2021 an einen verurteilten russischen Spionagechef. Nun liegen auch die Notizen österreichischer Ermittler zu dieser Nachricht vor. Darin halten sie fest, Marsalek habe “unmissverständlich” erklärt, an einer erfolgreichen Operation gegen Sebastian Kurz beteiligt gewesen zu sein. Was genau damit gemeint ist, bleibt allerdings offen.
“Rupert Ticz” schreibt nach London
Die Unterlagen liegen dem Axel Springer Global Reporters Network vor, zu dem auch “Bild” und “Welt” gehören, wie oe24 berichtet. Demnach schrieb Marsalek am 22. Oktober 2021 unter dem Decknamen “Rupert Ticz” an Orlin Roussev, den Anführer eines in Großbritannien verurteilten russischen Spionagenetzwerks. Durch die Beschlagnahme eines Mobiltelefons sei Kurz “erfolgreich gestürzt” worden. Gemeint ist das Handy von Thomas Schmid, dem früheren Spitzenbeamten im Finanzministerium und späteren ÖBAG-Chef. Kurz hatte 13 Tage zuvor, am 9. Oktober 2021, seinen Rücktritt angekündigt, nach Hausdurchsuchungen im Kanzleramt, im Finanzministerium und in der ÖVP-Zentrale.
Der Vermerk der Ermittler
Neu ist, wie österreichische Ermittler die Nachricht bewerten. In den Unterlagen heißt es unter der Überschrift “Unterstützung eines fremden Nachrichtendienstes – Einflussnahme auf die österreichische Politik”: “Unmissverständlich erklärte MARSALEK, dass ‘sie’ in einer erfolgreichen Operation den Kanzler ‘gestürzt’ hätten.” Weiter halten sie fest: “MARSALEK gab somit gegenüber ROUSSEV zu, an der Beschlagnahme dieses Mobiltelefons beteiligt gewesen zu sein.” Offen ist laut oe24, ob sich das von Marsalek verwendete “wir” bzw. “für uns” auf Wirecard oder einen russischen Nachrichtendienst bezieht.
Was dagegen spricht
Ein Beweis für eine russische Beteiligung am Sturz des Kanzlers ist das nicht. Das Handy von Thomas Schmid wurde am 12. November 2019 von österreichischen Ermittlern beschlagnahmt, im Zuge eines Verfahrens der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Wie Marsalek an dieser Beschlagnahme beteiligt gewesen sein soll, geht aus den bisher bekannten Unterlagen nicht hervor. Der Vermerk gibt wieder, was Marsalek seinem Gegenüber geschrieben hat. Ob diese Behauptung stimmt oder ob Marsalek gegenüber seinem Kontaktmann übertrieben hat, müssen die Ermittlungen erst klären. Kurz hat die Vorwürfe in den Verfahren gegen ihn stets bestritten, für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
“Für uns gearbeitet”
In den Nachrichten erwähnt Marsalek auch einen Mann, der zeitweise “für uns gearbeitet” habe und nun Opfer einer “Hexenjagd durch das Team des ehemaligen Kanzlers” geworden sei. Wer gemeint ist, nennen die Berichte nicht. Der britische Labour-Abgeordnete Graeme Downie, der sich mit russischer Einflussnahme befasst, sagte dem “Telegraph”: “Letztlich besteht Putins strategisches Ziel darin, Demokratien grundlegend voneinander zu spalten.” Roussev wurde in Großbritannien zu zehn Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.
Ein Mann auf der Flucht
Marsalek, 1980 in Wien geboren, ist seit Juni 2020 auf der Flucht, nachdem beim Zahlungsdienstleister Wirecard rund 1,9 Milliarden Euro fehlten. Er soll sich in Russland aufhalten und wird international gesucht. Es ist nicht der erste Hinweis auf russischen Zugriff in Österreich: Im Mai 2025 berichtete der “Telegraph”, dass drei Mobiltelefone hochrangiger Beamter des Innenministeriums nach Russland gelangt sein sollen. Eine Stellungnahme von Kurz oder der Justiz zu den neuen Unterlagen lag zunächst nicht vor.
Credits: Bild KI-generiert
Neueste Kommentare