Ein Jahr nach dem Tod eines 50-jährigen Häftlings in der Justizanstalt Wien-Josefstadt ermittelt die Staatsanwaltschaft Korneuburg nun offiziell wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und möglichen Amtsmissbrauch. Der Fall reiht sich in eine Serie von Todesfällen im österreichischen Strafvollzug, die zuletzt auch eine eigene Untersuchungskommission beschäftigten.
Kollaps am Flughafen vor der Abschiebung
Wie der ORF Wien berichtet, handelt es sich bei dem Toten um einen 50-jährigen irischen Staatsbürger, gegen den die britischen Behörden wegen mehrerer Sexualdelikte ein Auslieferungsverfahren beantragt hatten. Am 26. August 2025 wurde er von einer Salzburger Justizanstalt zum Flughafen Wien-Schwechat gebracht, wo die Abschiebung stattfinden sollte. Der Mann wollte dies nach eigenen mehrfachen Angaben unbedingt verhindern und kollabierte noch am Flughafengelände. In seinem Körper wurden später Beruhigungsmittel, Methadon und Antidepressiva nachgewiesen.
Von der Klinik in die Zelle statt ins Spital
Nach dem Kollaps war der Mann laut Heute.at zwölf Stunden lang nicht ansprechbar. Als er gegen 11 Uhr wieder erwachte, verhielt er sich laut Beamten der Justizanstalt Hirtenberg, die ihn am Krankenbett bewachten, „unruhig, unkooperativ und aggressiv“. Obwohl eine Verlegung in ein Wiener Krankenhaus erwogen wurde, entschied man sich stattdessen für eine Überstellung in die Justizanstalt Josefstadt, um dort einen zweiten Abschiebeversuch vorzubereiten. Ausschlaggebend dafür dürften laut Aktenlage auch die beschränkten personellen Kapazitäten der Justizwache gewesen sein – eine Spitalsverlegung hätte zusätzliche Überwachungskräfte gebunden.
Tod nach Reanimationsversuchen
Die Überstellung gestaltete sich schwierig: Der Mann weigerte sich, aufzustehen, musste im Rollstuhl ins Einsatzfahrzeug gehoben werden und rutschte dabei wiederholt nach vorn. In der Zelle der Justizanstalt Josefstadt ließ er sich laut Protokoll der Justizwache mehrfach zu Boden fallen, verschlechterte sich sein Zustand schließlich dramatisch. Die Justizwache alarmierte einen Arzt sowie Sanitäter, die mit Reanimationsmaßnahmen begannen. Die herbeigerufene Berufsrettung setzte die Wiederbelebung fort, konnte den Tod des Mannes nach einer halben Stunde aber nur noch feststellen.
Gerichtsmediziner ortet Kommunikationsmängel
Laut dem Obduktionsgutachten eines Gerichtsmediziners, das der APA vorliegt, war eine Medikamentenvergiftung ursächlich für den Tod. Anhaltspunkte für Gewalteinwirkung oder Misshandlung fanden sich keine. Der Sachverständige geht davon aus, dass beim Häftling bereits kurz nach Fahrtantritt in Salzburg Symptome einer Vergiftung mit dem Antidepressivum Quetiapin vorlagen – unklar bleibt, wie der Mann in der Salzburger Justizanstalt an die Tabletten gelangte. Im Gutachten wird festgehalten, dass sowohl eine unverzügliche ärztliche Hilfe während der Fahrt als auch eine längere klinische Beobachtung im Krankenhaus in Niederösterreich sowie eine umgehende psychiatrische Abklärung sinnvoll gewesen wären. Insgesamt attestiert der Gutachter „eine nicht optimale Versorgungskette bzw. Kommunikation zwischen den beteiligten Organisationen und Personen“ – ob der kritische Zustand für die beteiligten Beamten tatsächlich erkennbar war und der Tod mit Sicherheit hätte verhindert werden können, lasse sich mit der für ein Strafverfahren nötigen Sicherheit aber nicht sagen.
Ermittlungen gegen mehrere Behörden
Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Korneuburg, Josef Mechtler, bestätigte gegenüber der APA, dass „umfassend und in alle Richtungen“ ermittelt werde. Geprüft werde, ob sich jemand der fahrlässigen Tötung oder des Missbrauchs der Amtsgewalt schuldig gemacht hat. Die Ermittlungen richten sich dabei nicht nur gegen Beamte der Justizanstalt Josefstadt, sondern auch gegen Bedienstete anderer Justizanstalten sowie gegen Mitarbeiter einer Klinik in Niederösterreich. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Auch die Volksanwaltschaft ist mit dem Fall befasst und führt laut eigenen Angaben ein amtswegiges Prüfverfahren.
Ein Fall unter mehreren
Der aktuelle Fall ist nicht der einzige Todesfall in einer österreichischen Justizanstalt, der zuletzt für Schlagzeilen sorgte. Erst zu Wochenbeginn hatte eine von Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) eingesetzte Untersuchungskommission systemische Mängel im Strafvollzug aufgezeigt und erheblichen Reformbedarf geortet. Bereits im Dezember war ein 21-jähriger Häftling tot in der Justizanstalt Josefstadt aufgefunden worden, mutmaßlich infolge von Drogenkonsum. Auch der Fall eines 23-Jährigen, der sich im Mai 2025 in derselben Anstalt das Leben nahm, wird derzeit von der Staatsanwaltschaft St. Pölten untersucht.
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