372 Euro Rechnung an Babler: Wiener Greißler macht Ernst

372 Euro Rechnung an Babler: Wiener Greißler macht Ernst

Ein Feinkostgeschäft in Wien Oberlaa, ein offener Brief und eine konkrete Rechnung – die Geschichte des „Wutgreißlers“ Fritz Kohut trifft einen wunden Punkt der Mehrwertsteuerreform.

Der Brief und seine Botschaft

Seit dem 1. Juli gilt die neue Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel. Für Fritz Kohut, der in Wien Oberlaa als einziger Nahversorger neben der Volksschule ein kleines Feinkostgeschäft betreibt, bedeutete das vor allem eines: Kosten. In einem offenen Brief an Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ), der laut oe24 bereits rund 1.000 Facebook-Likes gesammelt hat, beschreibt Kohut seinen Alltag: „Mein Tag beginnt um 05:30, wenn der Bäcker mit der frischen Ware kommt.“ Gut, als Selbstständiger habe er sich das selbst ausgesucht. „ABER, wenn ich dann die von Ihnen und Ihren Regierungskollegen beschlossene, in meinen Augen und in den Augen fast aller meiner Kunden UNNÖTIG KOMPLIZIERTE MWSt. Regelung umsetzten MUSS, dann sind das erstens ZUSÄTZLICHE, UNNÖTIGE Kosten und zweitens ZUSÄTZLICHE, UNNÖTIGE Arbeitszeit, welche ich nicht bereit bin, kostenlos durchzuführen.“

Die Rechnung: 372 Euro, bitte zeitnah überweisen

Kohut hält seine Kosten laut oe24 penibel fest und stellt sie Babler direkt in Rechnung: Software-Update für die Kassa: 84 Euro inklusive 20 Prozent Mehrwertsteuer. Dazu acht Stunden Arbeitszeit inklusive Überstundenzuschlag zu je 36 Euro: 288 Euro. Gesamtsumme: 372 Euro. Die Originalrechnung liegt dem Brief bei. „Da jedoch niemand in diesem Lande gezwungen werden sollte, OHNE BEZAHLUNG zu arbeiten, erlaube ich mir, IHNEN, als Verursacher und irgendwie auch Auftraggeber der unnützen Beschäftigung die entstandenen Kosten in Rechnung zu stellen“, schreibt Kohut laut oe24. Er betont dabei ausdrücklich, dass er die Kosten nicht auf seine Kunden umlegen will – „denn ich finde, dass meine Kunden nichts dafür können, wenn unausgegorene Entscheidungen getroffen werden.“

Der Kern der Kritik: SCHILDA lässt grüßen

Was Kohut besonders auf die Palme bringt, ist ein konkretes Detail der Reform: dass für ein und dasselbe Produkt zwei verschiedene Steuersätze gelten können – je nach Verarbeitungsgrad, Fettgehalt oder Konsumort. „Alleine schon der Umstand, dass ein und derselbe Artikel ZWEI verschiedene Steuersätze hat, ist an Unvermögen ja schon nicht mehr zu übertreffen. SCHILDA lässt grüßen“, schreibt er laut oe24.

Was dahintersteckt

Kohuts Fall ist kein Einzelfall. Wie wir bereits berichteten, haben Österreichs Händler laut Handelsverband insgesamt rund sechs Millionen Euro in die Umstellung von Kassensystemen, Warenwirtschaft und Preisschildern investiert. Für Großhändler mit eigenen IT-Abteilungen war das handhabbar. Für kleine Greißler wie Kohut bedeutete es: selbst programmieren, selbst einlesen, selbst prüfen – und dafür die Stunden abends opfern, die ohnehin knapp sind, wenn der Tag um 5:30 Uhr beginnt.

Ob Babler zahlt, bleibt offen

Ob der Vizekanzler die 372 Euro tatsächlich überweist, ließ sein Büro bisher unbeantwortet. Kohut kündigte laut oe24 an, die Öffentlichkeit über eine allfällige Zahlung zu informieren. Das Schweigen aus dem Ministerium spricht vorerst für sich.

EINORDNUNG DER REDAKTION
Kohuts Brief ist mehr als eine witzige Anekdote. Er illustriert ein strukturelles Problem, das wir in dieser Berichtsserie bereits mehrfach dokumentiert haben: Die Mehrwertsteuersenkung ist gut gemeint, aber handwerklich schlecht gemacht. Für Konsumenten bedeutet sie im Schnitt 7 Euro Ersparnis pro Monat. Für einen kleinen Greißler, der keine IT-Abteilung hat, bedeutete sie 372 Euro Mehrkosten und acht Stunden Zusatzarbeit – ohne Entschädigung, ohne Übergangszeit, ohne praktikable Anleitung. Dass genau diese Betriebe – der Nahversorger, der Bäcker, die kleine Trafik – das Rückgrat der lokalen Versorgung bilden, macht Kohuts Rechnung zu einem politischen Statement, das keiner Übertreibung bedarf.

Credits: BKA, Andy Wenzel

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