Eine Milliarde Euro Schaden, ausgetrocknete Böden und hungrige Kühe – die Landwirtschaft steckt in einer historischen Krise. Während Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) rasche Hilfe verspricht, bremst das SPÖ-geführte Finanzministerium und löst damit heftige Reaktionen der Bauernvertreter aus.
Totschnig kündigt Hilfe an – auch für Unversicherte
Bei einem „runden Tisch“ zur „Schadensbilanz zur Trockenheit in der Landwirtschaft“ am Montag im Landwirtschaftsministerium bekräftigte Totschnig gegenüber der APA, dass ein Hilfspaket „in den nächsten Tagen“ vorliegen soll. Bemerkenswert: Auch Betriebe, die sich nicht gegen Dürre versichert haben, sollen Geld erhalten. „Wir brauchen ein Unterstützungspaket für alle bäuerlichen Familienbetriebe“, so der Minister. Ressortinterne Umschichtungen allein würden nicht ausreichen – in einer außerordentlichen Situation brauche es „außerordentliche Maßnahmen“, auch budgetär. Als konkretes Beispiel nannte er etwa Betriebsmittelkredite. Zum Ausmaß der Krise sagte Totschnig: „Ich bin absolut schockiert über dieses Ausmaß“ und sprach von einer „historischen Dürrekatastrophe“.
Die Zahlen hinter der Krise
Der Gesamtschaden für die Landwirtschaft beläuft sich laut Österreichischer Hagelversicherung auf rund eine Milliarde Euro, wovon der Spezialversicherer nur etwa 400 Millionen Euro abdeckt. Besonders hart trifft es das Grünland mit einem geschätzten Ertragsausfall von 45 Prozent, bei Mais wird ein Minus von 25 Prozent, bei Getreide von 14 Prozent erwartet. Insgesamt beträgt der Produktionsausfall rund 30 Prozent gegenüber einem normalen Jahr mit 3,2 Milliarden Euro Produktionswert. Zum Vergleich: Beim bisherigen Rekord-Hitzejahr 2018 lag der Schaden bei 230 Millionen Euro, wovon 60 Millionen Euro abgefedert wurden. Weil Grünschnitt und Sojaernte vielerorts ausfallen, sind erste Bauern bereits zu Notverkäufen ihrer Rinder gezwungen.
Finanzministerium bremst mit klarer Ansage
Genau hier kommt der Streit ins Spiel: Aus dem Büro von Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) hieß es, „eine ‚Koste-es-was-es-wolle-Politik‘ wird es aus guten Gründen nicht geben“. Notwendig seien stattdessen „nachhaltige und langfristige Lösungen für den Klimaschutz“. Noch deutlicher wurde SPÖ-Budgetsprecher Jan Krainer in einer schriftlichen Stellungnahme: „Wer sich versichern hat lassen, bekommt für seinen Schaden Geld. Wer keine Versicherung hat, hat nicht eingezahlt und hat damit auch keinen Anspruch auf Geld.“ Geld für Nicht-Versicherte wäre aus seiner Sicht ein falsches Signal an jene, die ordnungsgemäß eine Versicherung abgeschlossen haben.
Landwirtschaftskammer und Bauernbund empört
Die Reaktion der Bauernvertreter fiel scharf aus. Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Moosbrugger zeigte sich in einer Stellungnahme entrüstet: „Es geht um Existenzen vieler Bauernfamilien in Österreich. Diese Dürre und Trockenheit ist eine absolute Notsituation für unsere landwirtschaftlichen Betriebe, wie es sie in dieser Form wohl noch nie gegeben hat. Es geht nicht um Partei- oder Klientelpolitik, sondern um die Zukunft unseres Landes.“ Bauernbund-Präsident Georg Strasser forderte das Finanzministerium auf, seine „Blockadehaltung aufzugeben und den notwendigen finanziellen Spielraum zu schaffen“: „Die notwendige Hilfe für unsere Bäuerinnen und Bauern ist kein Wunsch der ÖVP, sondern Aufgabe der gesamten Bundesregierung.“
Experten mahnen zur Differenzierung
Derzeit sind rund 80 Prozent der Ackerflächen, aber nur 40 Prozent der Grünlandflächen gegen Dürre versichert – Bund und Länder stützten die Versicherungsprämien 2025 bereits mit rund 160 Millionen Euro. Wifo-Agrarökonom Franz Sinabell warnte davor, das geplante Hilfspaket so zu gestalten, dass versicherte Bauern am Ende „als Dumme dastehen“. Als sinnvolle Maßnahmen empfahl er den Ausbau von Futtermittelbörsen sowie Stundungen von Investitionskrediten. Hagelversicherung-Chef Kurt Weinberger sprach sich zudem gegen eine verpflichtende Dürre-Pflichtversicherung aus, da diese „keine Begeisterung“ auslöse.
Politische Forderungen aus mehreren Lagern
Auch auf Länderebene wird Druck gemacht: Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Landesvize Stephan Pernkopf (beide ÖVP) forderten rasche und „außergewöhnliche“ Maßnahmen. Die Opposition zeigt sich uneins in der Stoßrichtung: Die FPÖ wirft Totschnig grundsätzliche Untätigkeit vor, die SPÖ fordert ein ambitioniertes Klimagesetz, die NEOS verlangen verstärkten Bodenschutz nach dem Motto „Prävention vor Kompensation“. Grünen-Landwirtschaftssprecherin Olga Voglauer sieht mit kurzfristigen Hilfen allein das Problem nicht gelöst: Es brauche mehr biologische und vielfältige Bewirtschaftung, gesunde, wasserspeicherfähige Böden, konsequenten Wasserrückhalt in der Landschaft sowie endlich ein Wasserregister. Die Umweltorganisation Global 2000 wirft Totschnig vor, seiner Rolle als Klimaminister nicht gerecht zu werden, da es weder ein Klimaschutzgesetz noch einen adäquaten Plan für den Umgang mit der Klimakrise gebe.
Eine beispiellose Trockenheit
Wie außergewöhnlich die aktuelle Lage tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf die Niederschlagsdaten: In manchen Regionen fiel seit dem 15. Juni über 75 Prozent weniger Regen als im Zehnjahresmittel von 2016 bis 2025. Zwischen 2017 und 2025 lagen die jährlichen Dürreschäden in Österreich noch zwischen 30 und 230 Millionen Euro – die aktuelle Milliarde Euro markiert damit einen historischen Höchstwert.
Credits: Parlamentsdirektion/Thomas Topf
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