Ein israelischer Luftangriff auf einen längst stillgelegten Militärflughafen in Syrien hat einen offenen Schlagabtausch zwischen Washington und Jerusalem ausgelöst. Der US-Sondergesandte für Syrien wirft Israel vor, den NATO-Partner Türkei bewusst provoziert zu haben – Israels Verteidigungsminister weist die Vorwürfe scharf zurück.
Der Angriff und seine Begründung
Die israelische Armee hatte am Dienstag den verlassenen Militärflughafen Abu Duhur in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens bombardiert. Israel begründete den Angriff mit einer angeblichen Bedrohung seiner Sicherheit durch die Stationierung türkischer Truppen auf dem Gelände. Einem Bericht der „Jerusalem Post“ zufolge hatte die israelische Armee Informationen erhalten, wonach die Türkei mit türkischen Truppen bemannte Radar- und Luftverteidigungsanlagen auf dem Flugplatz errichten wollte. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu erklärte, der Türkei sei „deutlich“ gemacht worden, dass sie keinen Stützpunkt im mit ihr verbündeten Syrien errichten dürfe.
Barracks scharfe Kritik
Der US-Sondergesandte für Syrien, Tom Barrack, der auch als US-Botschafter in der Türkei fungiert, verurteilte den israelischen Angriff bereits am Dienstag als „unnötige Eskalation, die nicht zur regionalen Stabilität beiträgt“. Am Freitag ging er noch weiter und äußerte, der Angriff könne darauf abgezielt haben, einen Konflikt mit der Türkei zu provozieren. Die syrische Übergangsregierung sprach ihrerseits von einem „ungerechtfertigten Akt der Aggression“.
Katz kontert: Aussagen „voller Ungenauigkeiten“
Israels Verteidigungsminister Israel Katz reagierte am Samstag auf der Plattform X und bezeichnete Barracks Äußerungen als „voller Ungenauigkeiten“. Er warf dem US-Sondergesandten vor, dessen Aussagen widersprächen der Haltung von US-Präsident Donald Trump selbst zu den Golanhöhen, die Barrack zuvor als „besetzt“ bezeichnet hatte. Zudem betonte Katz, Israel habe vor dem Angriff „nachrichtendienstliche Informationen an die zuständigen Stellen in den USA“ weitergegeben – eine direkte Reaktion auf Barracks laut „Washington Post“ erhobene Behauptung, Israel habe die USA vor dem Angriff nicht gewarnt. Berichte, wonach der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad Gespräche mit dem syrischen Außenminister geführt habe, bestätigte Barrack hingegen laut einem Bericht der „Times of Israel“.
Ein Flughafen ohne aktiven Betrieb seit 2012
Der rund 80 Kilometer östlich der türkischen Grenze gelegene Militärflughafen ist nach Angaben aus Sicherheitskreisen in Syrien bereits seit 2012 außer Betrieb und wird derzeit von Einheiten des syrischen Verteidigungsministeriums bewacht. Nach Angaben der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte kurz vor dem Angriff eine türkische Militärdelegation den Flughafen besucht.
Türkei dementiert Truppenpräsenz
Die Türkei selbst wies die israelische Darstellung bereits am Donnerstag zurück. Ein Vertreter des türkischen Verteidigungsministeriums, Zeki Aktürk, erklärte, weder vor noch während des israelischen Angriffs habe sich eine türkische Militärdelegation auf dem Stützpunkt befunden. Israels Angriffe zielten stattdessen darauf ab, „die Stabilität, die Sicherheit, die Einheit und die Integrität Syriens zu untergraben“, so Aktürk vor Journalisten. Die Türkei werde weiterhin „entschlossen“ die territoriale Integrität und Souveränität ihres Nachbarlandes verteidigen.
Ein weiterer israelischer Angriff in Syrien
Parallel zum diplomatischen Schlagabtausch führte die israelische Armee einen weiteren Angriff in Syrien aus. Dabei sei im Süden des Landes ein „Terrorist“ ins Visier genommen worden, der Terroranschläge in der „letzten Vorbereitungsphase“ vorangetrieben habe, teilte die israelische Armee mit. Dem syrischen Staatsfernsehen zufolge wurde bei einem israelischen Drohnenangriff im Dorf Beit Jinn im Südwesten von Damaskus ein Mann verletzt. Das syrische Außenministerium sprach von einem „eklatanten Verstoß“ gegen die syrische Souveränität.
Ein Konflikt mit mehreren Fronten
Die Türkei gilt als wichtiger Verbündeter der syrischen Übergangsregierung von Präsident Ahmed al-Scharaa, der das Land seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 anführt. Israel selbst hatte nach Assads Sturz Truppen in die eigentlich neutrale UNO-Pufferzone auf den Golanhöhen im Süden Syriens entsandt und bereits mehrfach Ziele tiefer im syrischen Landesinneren angegriffen – teils mit dem Schutz der drusischen Minderheit begründet, teils mit dem erklärten Ziel, eine „Sicherheitszone“ im Süden Syriens zu festigen. Der aktuelle Streit zwischen Washington und Jerusalem zeigt, wie stark sich die Interessen der beiden engen Verbündeten in der Syrien-Frage inzwischen auseinanderbewegen – und wie heikel das Verhältnis zur NATO-Macht Türkei in der Region bleibt.
Neueste Kommentare