Die dramatischen Ereignisse in der spanischen Exklave Ceuta werfen zunehmend Fragen zur Vorbereitung der spanischen Behörden auf. Nach Recherchen mehrerer spanischer Medien sollen Militär und Geheimdienste bereits Tage vor dem Massenansturm gewarnt haben – die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez soll die Hinweise jedoch ignoriert haben.
Auffällige Busse als erstes Warnsignal
Wie die spanische Zeitung „The Objective“ unter Berufung auf mehrere Quellen aus dem militärischen und zivilen Geheimdienst berichtet, seien der Regierung bereits Tage vor der eigentlichen Krise Warnhinweise vorgelegen. Konkret hätten die Sicherheitsbehörden registriert, dass zahlreiche Reisebusse Tausende Migranten in die marokkanische Grenzstadt Castillejos brachten – jene Ortschaft, die der Grenze zu Ceuta am nächsten liegt. Gleichzeitig sei eine wachsende Zahl an Menschen registriert worden, die schwimmend nach Ceuta gelangten. Die Geheimdienste sollen dies als eine Art Testlauf gedeutet und mehrfach vor einem unmittelbar bevorstehenden Massenansturm gewarnt haben, wie oe24 aus dem Bericht zitiert.
Ein möglicher Zusammenhang mit einem marokkanischen Feiertag
Nach Angaben von „The Objective“ brachten Geheimdienstquellen die Warnungen mit der bevorstehenden Thronbesteigungsfeier von König Mohammed VI. in Verbindung – die Rede war von der „Wahrscheinlichkeit“ einer bewussten „großzügigen Geste“ des Königs anlässlich des Feiertags. Dieselben Quellen erklärten gegenüber der Zeitung, die Regierung habe die Warnungen „systematisch ignoriert“.
Sánchez-Regierung weist die Vorwürfe zurück
Die spanische Regierung widerspricht dieser Darstellung deutlich. Ein hochrangiges Regierungsmitglied erklärte gegenüber „El País“, man habe keinerlei entsprechende Informationen erhalten, wie oe24 berichtet. Innenminister Fernando Grande-Marlaska stellte laut dem Sender Telemadrid ausdrücklich klar, es habe keinen entsprechenden Bericht des zivilen Geheimdienstes CNI gegeben. Marokko sei „keine Bedrohung“ für Spanien, betonte der Minister – räumte zugleich aber ein, dass sich eine derartige Krise wiederholen könne.
Auch der eigene Geheimdienst räumt Fehleinschätzung ein
Eine differenziertere Zwischenposition liefert die Zeitung „ABC“: Der Titel ihrer Berichterstattung deute zwar in eine ähnliche Richtung wie „The Objective“, weiter im Text räume der Geheimdienst selbst jedoch ein, die eigenen Informationen nicht richtig eingeschätzt zu haben, wie das Portal Ceuta Actualidad in seiner Presseschau zusammenfasst. Das spricht eher für eine Fehleinschätzung der Lage als für eine bewusste Ignoranz konkreter Warnungen.
Warum die Armee nicht früher eingriff
Aus Sicherheitskreisen wird zudem kritisiert, dass die spanische Armee nicht früher zur Unterstützung an die Grenze beordert wurde, obwohl einsatzbereite Einheiten sowohl in Ceuta als auch in Melilla stationiert waren, wie oe24 berichtet. Als schließlich Zehntausende Migranten gleichzeitig die Grenze überwanden oder über das Meer nach Ceuta gelangten, waren Polizei und Guardia Civil nach übereinstimmenden Medienberichten mit der Lage vollkommen überfordert.
Auch Marokkos Grenzschutz gerät in die Kritik
Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch Berichte über das Verhalten der marokkanischen Grenzkräfte. Diese sollen den Ansturm laut „The Objective“ teilweise tatenlos beobachtet haben – Videos sollen zeigen, wie marokkanische Sicherheitskräfte lediglich den Verkehr regelten, während Hunderte Migranten ungehindert Richtung spanischer Grenze liefen. Die spanische Regierung betont demgegenüber weiterhin die enge Zusammenarbeit mit Rabat.
Opposition greift Regierung scharf an
Politisch nutzt die konservative Volkspartei (PP) die Vorwürfe bereits für scharfe Kritik. Parteichef Alberto Núñez Feijóo besuchte Ceuta persönlich und erklärte laut Ceuta Actualidad, die Regierung habe zweifellos über entsprechende Informationen verfügt und trotzdem „nichts“ unternommen, um die Krise zu verhindern.
Zahl der Toten steigt weiter
Während die politische Aufarbeitung beginnt, steigt die Zahl der bestätigten Todesopfer weiter. Ein Vertreter des spanischen Innenministeriums, Miguel Ángel Pérez Triano, bestätigte am Sonntag in Ceuta 72 Tote, nachdem zuvor 67 Opfer offiziell bestätigt worden waren, wie oe24 berichtet. Die meisten Opfer ertranken demnach beim Versuch, schwimmend von Marokko aus die Exklave zu erreichen. Die Behörden bereiten laut „El País“ bereits eine provisorische Einrichtung vor, in der bis zu 200 Leichen aufgebahrt werden können.
Credits: screenshot_x_nexta_tv.
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