Während der Kreml weiterhin militärische Stärke demonstrieren will, zeigt eine aktuelle Umfrage ein ganz anderes Bild der russischen Stimmungslage: Die Angst in der Bevölkerung steigt auf den höchsten Stand seit der Teilmobilmachung im Herbst 2022.
57 Prozent nehmen Angst im eigenen Umfeld wahr
Laut einer aktuellen Erhebung des kremlnahen Meinungsforschungsinstituts FOM (Fonds „Öffentliche Meinung“) nehmen inzwischen 57 Prozent der Russen in ihrem persönlichen Umfeld – bei Freunden, Bekannten oder Verwandten – Angst wahr, wie oe24 berichtet. Dieser Wert stieg laut den Angaben des Instituts selbst innerhalb nur einer Woche, vom 24. bis 29. Juli, von 53 auf 57 Prozent. Nur noch 37 Prozent der Befragten bezeichneten die Stimmung in ihrem Umfeld hingegen als ruhig. Höher lag der Angstwert in Russland zuletzt nur im Herbst 2022, direkt nach Verkündung der Teilmobilmachung, als er auf rund 70 Prozent kletterte.
Ölanlagen, Drohnen und leere Zapfsäulen
Als konkrete Auslöser für den erneuten Anstieg nennt oe24 unter anderem ukrainische Angriffe auf russische Ölanlagen. Bilder brennender Raffinerien verbreiteten sich trotz behördlicher Verbote im Internet, gleichzeitig kam es vielerorts zu Engpässen bei Treibstoff. Auch die FOM-Daten selbst stützen dieses Bild: In einer ergänzenden Erhebung zu den wichtigsten Themen der Woche gaben 43 Prozent der Befragten an, sich mit dem Krieg gegen die Ukraine zu beschäftigen. Davon nannten 18 Prozent explizit Beschusslagen auf russischem Gebiet – etwa Drohnenangriffe in Podolsk, Domodedowo oder Chekhov sowie eine Explosion in der Tjumener Ölraffinerie. Zehn Prozent verwiesen konkret auf ukrainische Angriffe auf Lagerhäuser des Online-Händlers Wildberries, acht Prozent nannten Treibstoffmangel und steigende Preise als belastendes Thema.
„Der Krieg ist im Alltag angekommen“
Russland-Experte Alexey Yusupov sieht in der Entwicklung ein ernstes Signal für die Führung in Moskau. „Der Krieg ist im Alltag angekommen“, sagte er gegenüber der „Bild“, wie oe24 zitiert. Vier Jahre lang habe der Konflikt für viele Russen vor allem im Fernsehen stattgefunden – nun spürten die Menschen die Auswirkungen unmittelbar an Tankstellen, Supermarktkassen und beim Einkauf im Internet.
„Ernster als jede Karte vom Kriegsverlauf“
Für den Kreml sei genau diese Entwicklung besonders problematisch, erklärte Yusupov weiter: „Dieser Anstieg ist für den Kreml ernster als jede Karte vom Kriegsverlauf.“ Angst allein bringe die Menschen zwar nicht auf die Straße, viele würden aber beginnen zu sparen, abzuwarten und sich zurückzuziehen – ein Verhalten, das langfristig auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen für Russland haben dürfte.
Erinnerungen an 2022 werden wach
Zusätzlich zur aktuellen Kriegslage sorgt in Russland ein weiterer Faktor für Unruhe: die Erinnerung an die Teilmobilmachung von 2022. Seit Monaten kursieren in Russland Spekulationen über eine mögliche neue Einberufungswelle – ein Thema, das angesichts der wachsenden allgemeinen Verunsicherung zusätzliches Gewicht bekommt.
Credits: Kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123219163
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