Springerstiefel, Bomberjacken – das war einmal die eindeutige Uniform der rechtsextremen Szene. Heute tarnt sie sich zunehmend hinter Polohemden, Streetwear und dem dezenten „Old Money“-Look. Ein mit fast 400.000 Euro dotiertes Forschungsprojekt an der Wiener Akademie der bildenden Künste geht dieser Entwicklung seit drei Jahren auf den Grund.
Ein Projekt, finanziert aus Steuergeld
Das Forschungsprojekt „Mode und Rechtsextremismus“ läuft laut der offiziellen Projektbeschreibung der Akademie der bildenden Künste Wien seit 1. Oktober 2023 und endet am 30. September 2026. Finanziert wird es vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, wie exxpress.at berichtet. Verantwortlich für den FWF ist das Ministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung unter Eva-Maria Holzleitner (SPÖ). Zur Einordnung der Größenordnung: 2024 vergab der FWF insgesamt rund 349 Millionen Euro an wissenschaftliche Projekte – ein deutlicher Anstieg gegenüber den 273 Millionen Euro im Jahr 2022.
Mode als „Waffe“ der extremen Rechten
Geleitet wird das Projekt von der Modeforscherin Elke Gaugele, Professorin für Moden und Styles an der Akademie der bildenden Künste. Rechtsextreme Gruppen seien nicht nur in Musik und Medien aktiv, sondern versuchten, ihre Botschaften gezielt über Kleidung zu verbreiten, erklärte Gaugele gegenüber der APA, wie exxpress.at zitiert. „Rechtsextreme Stile sind extrem parasitär. Sie beruhen auf Kopieren und Klauen.“ Auf der eigenen Projektwebsite der Akademie heißt es dazu pointiert: Mode sei „zur Waffe geworden“ – seit der Jahrtausendwende eigne sich die internationale extreme Rechte gezielt die „Sprache der Mode“ für ihre strategischen Zwecke an.
Von Springerstiefeln bis Polohemd
Untersucht wird die Entwicklung rechtsextremer Modeästhetik von den 1990er-Jahren bis heute: von klassischer Neonazi-Mode wie Bomberjacken und Springerstiefeln bis zur aktuellen, von den Forschern als „neue stilistische Unübersichtlichkeit“ bezeichneten Phase. Diese reicht von Streetwear mit Kapuzenpullover bis zur dezenten „Old Money“-Ästhetik mit Polohemden, wachsbeschichteten Jacken und Cordhosen. Als Beispiel nannte Gaugele das 2013 in Graz gegründete, mit der Identitären Bewegung verbundene Modelabel „Phalanx Europe“: „Dort kann man genau die Wende hin zum Hipster beobachten. Dadurch soll ein neuer Stil verkörpert werden: Wir sind alle gutaussehend, smart, hip.“ Gleichzeitig beobachtet das Forschungsteam auch eine Rückkehr klassischer Neonazi-Symbolik.
Methodik: Shop-Besuche, Interviews, Netzwerkanalysen
Für ihre Untersuchung besuchten Gaugele und ihr Team einschlägige Shops in Deutschland und den USA und führten Interviews mit dortigen Mitarbeitern. Ergänzend werteten sie Online- und Bildmaterial aus und erstellten Netzwerk- und Situationsanalysen. International kooperiert das Wiener Forschungsteam laut der Projektbeschreibung der Akademie mit dem Polarization and Extremism Research and Innovation Lab (PERIL) der American University in Washington sowie einem Beirat aus fünf internationalen Rechtsextremismus-Experten, etwa vom Osloer Zentrum für Extremismusforschung C-Rex.
Genderbashing und die „Tradwife“-Bewegung
Als aktuelle inhaltliche Trends identifiziert die Studie vor allem zwei Stoßrichtungen: „Genderbashing“ – also Anfeindungen gegenüber Personen außerhalb traditioneller Zweigeschlechtlichkeit – sowie Grünen- und Ökologiebashing. Während sich die frühe Phase rechtsextremer Mode fast ausschließlich an Männer richtete, weitet sich das Angebot inzwischen im Umfeld des Social-Media-Trends der „Tradwives“ sowie der US-amerikanischen MAGA-Bewegung aus. „Diese gezielte Aktivierung über Mode, Beauty und Dating wird stark von der US-amerikanischen ‚Tech Right‘ vorangetrieben“, so Gaugele laut exxpress.at.
Was das Projekt am Ende liefert
Die Ergebnisse des Projekts richten sich laut FWF-Projektbeschreibung sowohl an die akademische Fachwelt – über Workshops, Symposien und Fachveröffentlichungen – als auch an die breite Öffentlichkeit, etwa über eine Reihe frei zugänglicher Podcasts sowie laufend veröffentlichte Forschungspapers auf der Projektwebsite. Mit dem offiziellen Projektende im September 2026 dürfte die vollständige Auswertung der dreijährigen Forschungsarbeit in den kommenden Monaten vorliegen.
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