Während die spanische Exklave Ceuta noch immer die Folgen des historischen Massenansturms verarbeitet, sorgt ein Brief von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für Diskussionen. Statt Konsequenzen für Marokko stellt sie dem nordafrikanischen Königreich zusätzliche finanzielle und technische Unterstützung in Aussicht – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem spanische Geheimdienste Rabat eine Mitverantwortung an der Krise zuschreiben.
Ein Antwortbrief mit Signalwirkung
Wie die Nachrichtenagentur Reuters aus dem Schreiben zitiert, das ihr vorliegt, reagierte von der Leyen am Montag auf eine Nachricht von Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez vom Samstag. Darin hatte Sánchez mehreren EU-Partnern mangelnde Solidarität angesichts ihrer verärgerten Reaktionen auf den Grenzdurchbruch vorgeworfen. Von der Leyen schlug in ihrer Antwort vor, die EU solle ihre Unterstützung für Marokko ausbauen, um eine Wiederholung des chaotischen Ansturms von rund 50.000 Migranten auf Ceuta zu verhindern. „Marokko ist ein wichtiger strategischer Partner, insbesondere bei unseren Bemühungen zur Bekämpfung von Menschenschmuggel und illegaler Migration“, schrieb die Kommissionspräsidentin laut Reuters. Gemeinsam mit Spanien könne man die Frühwarnsysteme für Ceuta und Melilla verbessern und die technische sowie finanzielle Unterstützung für Marokko weiter ausbauen.
Lob für Sánchez, Forderung nach schärferen EU-Regeln
Von der Leyen verband ihre Marokko-Ankündigung mit ausdrücklichem Lob für den spanischen Regierungschef. Wie das Portal Euractiv aus dem Brief zitiert, hätten sowohl spanische als auch marokkanische Behörden die Lage effizient gemanagt und eine Weiterreise der Migranten aufs spanische Festland und weiter nach Europa erfolgreich verhindert. Zugleich nutzte sie den Vorfall, um eine Verschärfung der europäischen Grenzpolitik zu fordern – darunter physische Barrieren, bessere Überwachung, Frühwarnsysteme, die Zerschlagung von Schlepperstrukturen sowie schnellere Abschiebungen. Auch eine strategische Debatte beim Europäischen Rat im Oktober regte sie an. Zugleich stellte sie klar, dass die EU es nicht dulden werde, wenn Migration als politisches Druckmittel eingesetzt werde – eine Formulierung, die als indirekte Anspielung auf mögliche marokkanische Verantwortung gelesen werden kann, ohne dass von der Leyen dies direkt ausspricht.
Geheimdienste: Rabat hat zugelassen, nicht verhindert
Brisant ist die versöhnliche Tonlage vor allem angesichts der Einschätzung spanischer Sicherheitskreise. Wie das Portal Apollo News unter Berufung auf „El País“ und „Cadena SER“ berichtet, gehen spanische Geheimdienste davon aus, dass Marokko die Invasion zwar nicht aktiv geplant, aber bewusst zugelassen habe. Die marokkanischen Grenzkontrollen seien demnach bereits im Juli schrittweise gelockert und beim Ansturm auf den Grenzübergang Tarajal schließlich vollständig aufgehoben worden. Marokko selbst weist jede Verantwortung zurück – das Innenministerium in Rabat macht stattdessen Falschinformationen in sozialen Netzwerken für den Massenansturm verantwortlich.
Kritik direkt aus Ceuta
Deutlich schärfer als von der Leyen urteilt der unmittelbar Betroffene vor Ort: Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas wirft Marokko laut Apollo News vor, „nicht zuverlässig“ zu sein. In der Bevölkerung von Ceuta herrsche der Eindruck, Rabat habe die Krise zumindest zugelassen, wenn nicht sogar bewusst herbeigeführt. Spanien müsse nun dringend Vorkehrungen treffen, damit sich ein solcher Vorgang nicht wiederholen könne.
Ein Muster: Bereits über 380 Millionen Euro geflossen
Die nun angekündigte Zusatzhilfe reiht sich in eine lange Liste vorheriger Zahlungen ein. Die EU finanziert den marokkanischen Grenzschutz bereits seit Jahren: Allein zwischen 2015 und 2021 sagte Brüssel Marokko im Rahmen des EU-Treuhandfonds für Afrika 234 Millionen Euro für die Zusammenarbeit in der Migrationspolitik zu, 2022 folgte ein weiteres, vierjähriges Hilfsprogramm mit rund 150 Millionen Euro. Trotz dieser Summen konnte Marokko den aktuellen Massenansturm auf Ceuta nach Einschätzung spanischer Geheimdienste offenbar nicht verhindern – oder war dazu nicht bereit.
Ein tieferer Riss zwischen den EU-Staaten
Der Vorfall hat unterdessen zu einer handfesten diplomatischen Krise innerhalb der EU geführt. Wie Reuters berichtet, setzte Italien seine Schengen-Reisefreiheit gegenüber Spanien für einen Monat aus – obwohl Ceuta selbst gar nicht zum Schengen-Raum zählt. 22 der 27 EU-Mitgliedstaaten forderten zudem ein koordiniertes Vorgehen zum Schutz der EU-Außengrenzen. In einem separaten Brief an von der Leyen vom Wochenende, koordiniert von Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni und Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, verlangten die 22 Unterzeichner von Spanien einen besseren Umgang mit der EU-Außengrenze und kritisierten explizit Sánchez‘ migrationsfreundlichen Kurs – Meloni und Frederiksen sprachen sich dabei sogar für Konsequenzen bei der spanischen Schengen-Kooperation aus.
Was jetzt ansteht
Die EU-Grenzschutzagentur Frontex hat bereits signalisiert, ihre Präsenz in Ceuta verstärken zu wollen. Am Dienstag berieten die Innenminister der EU-Mitgliedstaaten bei einer Krisensitzung über das weitere Vorgehen. Ob und wie sich der tiefe Riss zwischen jenen Staaten, die Spaniens Kurs mittragen, und jenen, die schärfere Konsequenzen fordern, dabei überbrücken lässt, bleibt vorerst offen.
Credits: European Union, 2026
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