Ceuta-Ansturm: Meinl-Reisingers Dank an Marokko sorgt für Kritik

Ceuta-Ansturm: Meinl-Reisingers Dank an Marokko sorgt für Kritik

Österreichs Außenministerin bedankt sich bei Marokko für die Zusammenarbeit in der Ceuta-Krise – während der Regierungschef der betroffenen spanischen Exklave dem nordafrikanischen Königreich vorwirft, den Massenansturm erst ermöglicht zu haben. Zwischen Applaus aus Wien und Anklage aus Ceuta klafft eine erhebliche Lücke.

Meinl-Reisingers Dank

Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) bedankte sich auf der Plattform X bei Marokko für die „konstruktive Kooperation“ in der Ceuta-Krise. Mehr als 48.000 der eingereisten Menschen seien bereits zurückgekehrt, niemand sei auf das spanische Festland weitergelangt, schrieb sie. Nach spanischen Angaben hätten Schlepper gezielt das Gerücht verbreitet, wer Ceuta erreiche, könne bleiben – tatsächlich hätten aber die europäischen Regeln gegriffen und die Lage sei rasch wieder unter Kontrolle gebracht worden.

Kritik von der FPÖ

FPÖ-Mandatarin Susanne Fürst nannte es auf X „unfassbar“, dass sich Österreichs Außenministerin ausgerechnet bei Marokko bedanke. Sie stellte die Frage, ob wirklich jemand glaube, dass Zehntausende Menschen zufällig gleichzeitig aufgebrochen seien – ohne Wissen oder Duldung der marokkanischen Behörden.

Ceutas Regierungschef: „Unmöglich ohne Billigung“

Rückendeckung für diese Skepsis kommt aus der unmittelbar betroffenen Stadt selbst. Juan Jesús Vivas, seit mehr als 25 Jahren Regierungspräsident von Ceuta für die konservative Volkspartei PP, erklärte gegenüber dem Sender RTVCE, es sei „unmöglich“, dass 60.000 Menschen ohne Billigung der marokkanischen Regierung nach Ceuta gelangt seien. Eine derart große Menschenmenge könne sich auf marokkanischem Gebiet nicht sammeln, ohne dass die dortigen Sicherheitskräfte davon wüssten. Im Gespräch mit „El País“ legte Vivas nach: Marokko habe bewiesen, „nicht verlässlich“ zu sein. Bemerkenswert dabei: Vivas‘ eigene Partei in Madrid übt sich in Zurückhaltung gegenüber Marokko und richtet ihre Kritik stattdessen lieber gegen Regierungschef Pedro Sánchez.

Geheimdiensteinschätzung: Duldung statt Planung

Besonders schwer wiegt eine Einschätzung, über die spanische Medien unter Berufung auf anonyme Sicherheitskreise berichten. Laut Recherchen von „El País“ habe Marokko den Ansturm nicht von Anfang an geplant – Auslöser sollen Gerüchte in sozialen Netzwerken gewesen sein. Als sich die Bewegung entwickelte, habe Marokko die Situation jedoch erkannt und bewusst geschehen lassen, um sie anschließend politisch zu nutzen. Auch die Nachrichtenagentur Reuters berichtete über diese Einschätzung, die sich – das sei ausdrücklich betont – auf anonyme Quellen stützt und keinen endgültigen Beweis darstellt.

Erst Passivität, dann Tränengas

Ein Fotograf der Agentur AP beobachtete demnach marokkanische Gendarmen, die mit verschränkten Armen dastanden, während Tausende Menschen an ihnen vorbeizogen. Mehrere Migranten schilderten, nicht gestoppt, teils sogar zum Grenzübertritt ermuntert worden zu sein. Stunden später setzten dieselben marokkanischen Kräfte dann Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer ein und schlossen die Grenze weitgehend wieder – ein Umstand, der laut exxpress.at zeigt, wie schnell Marokko den Zustrom im Zweifel bremsen kann. Die genaue Zahl der Todesopfer ist weiterhin nicht abschließend geklärt: Ursprünglich war von mindestens 72 Toten die Rede, neuere Berichte sprechen von bis zu 94.

Warnzeichen im Vorfeld

Nach einem Bericht des spanischen Portals „The Objective“ brachten bereits vor dem eigentlichen Ansturm Reisebusse Menschen aus verschiedenen Teilen Marokkos in die Grenzstadt Fnideq, zudem sollen in den zehn Tagen zuvor bereits mehr als 1.000 Menschen Ceuta schwimmend erreicht haben. Spanische Sicherheitskreise sollen dies als möglichen „Testlauf“ gewertet haben – Madrid bestreitet das allerdings. Laut dem Radiosender Cadena SER habe der spanische Geheimdienst CNI das Innenministerium in den Wochen zuvor mehrfach vor dem Risiko einer Masseneinreise gewarnt; Innenminister Fernando Grande-Marlaska weist dies zurück, räumt aber ein, dass die Zahl der Schwimmübertritte bereits seit Mitte Juli deutlich gestiegen war.

Spanische Verteidigungsministerin fordert Aufklärung

Innerhalb der spanischen Regierung selbst zeigt sich kein einheitliches Bild. Verteidigungsministerin Margarita Robles schlug deutlich schärfere Töne an als der Rest des Kabinetts: Es könne nicht sein, dass Minderjährige „einfach in den Tod geschickt“ würden, so die Sozialistin, die von Marokko eine vollständige Untersuchung forderte. Damit weicht sie von der versöhnlicheren Linie von Außenminister José Manuel Albares ab, der die Zusammenarbeit mit Marokko ähnlich lobte wie Meinl-Reisinger.

Ein Präzedenzfall aus dem Jahr 2021

Der aktuelle Verdacht trifft auf einen dokumentierten Vorläufer. 2021 nahm Spanien den schwer erkrankten Anführer der Polisario-Front, Brahim Ghali, medizinisch auf – ein Schritt, den Rabat als Affront wertete. Kurz darauf lockerte Marokko die Grenzkontrollen bei Ceuta, binnen zwei Tagen kamen rund 8.000 bis 10.000 Menschen. Das Europäische Parlament verurteilte Marokko damals ausdrücklich für den Einsatz von Grenzkontrolle und Migration als politisches Druckmittel gegen einen EU-Staat – Fachleute sprechen seither von „weaponisation of migration“. Im März 2022 änderte Spanien unter Sánchez seine Haltung zur Westsahara zugunsten Marokkos, danach normalisierte sich auch die Migrationskooperation wieder. Ein förmlicher Zusammenhang zwischen beiden Vorgängen ist nicht belegt, die zeitliche Abfolge nährte aber Spekulationen über einen politischen Kompromiss.

Marokko weist die Vorwürfe zurück

Marokko selbst bestreitet eine bewusste Beteiligung am aktuellen Ansturm. Das marokkanische Innenministerium macht stattdessen Falschinformationen, Schleppernetzwerke und ein missverstandenes Gerichtsurteil verantwortlich. Dass Marokko grundsätzlich über erhebliche Kontrollmöglichkeiten verfügt, ist dabei unbestritten: Im September 2024 verhinderten marokkanische Kräfte einen über soziale Netzwerke angekündigten Massenansturm auf Ceuta und nahmen 152 Personen fest; im gesamten Jahr 2024 vereitelten die Behörden nach eigenen Angaben rund 78.700 irreguläre Ausreiseversuche.

Was bleibt: Ein unbewiesener, aber nicht unplausibler Verdacht

Für eine persönliche Anordnung von König Mohammed VI. oder eine staatlich organisierte Aktion gibt es keinen öffentlichen Beweis. Die Verdachtsmomente für eine zumindest zeitweise bewusste Duldung sind dennoch beträchtlich: die anfängliche Passivität der Sicherheitskräfte, die vorangegangenen Warnzeichen, widersprüchliche Migrantenberichte sowie die direkten Vorwürfe von Vivas und die berichtete, wenn auch nicht letztgültig belegte Geheimdiensteinschätzung. Ob Meinl-Reisingers Dank an Marokko angesichts dieser offenen Fragen verfrüht war, bleibt damit eine Frage der politischen Bewertung – die zugrundeliegenden Fakten selbst sind bislang nicht abschließend geklärt.

Credits: BKA-Tarek Wilde

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