Eine absolute Mehrheit für die FPÖ gilt manchen Beobachtern nicht mehr als Hirngespinst. Aktuelle Umfragen sehen die Partei bei 38 Prozent. Doch wer steckt eigentlich hinter diesen Zahlen? Ein Blick auf die Daten zeigt: Das alte Klischee vom „Modernisierungsverlierer“ greift längst zu kurz.
Die Zahl, die alle beschäftigt
Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist eine Erhebung des Linzer Market-Instituts im Auftrag von derStandard.at, die die FPÖ bei 38 Prozent sieht – ÖVP und SPÖ liegen demnach beide unter der 20-Prozent-Marke. Politikwissenschaftler Peter Filzmaier bringt die Stimmung unter Meinungsforschern gegenüber dem Magazin profil auf den Punkt:
„Es ist derzeit wahrscheinlicher, dass die FPÖ in Richtung absoluter Mehrheit kommt, als dass sie von ÖVP oder SPÖ eingeholt wird.“
Die Zahl ist dabei kein Ausreißer: Auch eine INSA-Erhebung im Auftrag von Exxpress und eine Hochrechnung der Lazarsfeld Gesellschaft für oe24 hatten die Freiheitlichen zuletzt wiederholt exakt bei 38 Prozent gesehen.
Nicht mehr nur die Abgehängten
Das lange kolportierte Bild vom FPÖ-Wähler als bildungsfernem Modernisierungsverlierer trifft die heutige Realität nur noch bedingt. OGM-Geschäftsführer Wolfgang Bachmayer bringt es im Gespräch mit profil so auf den Punkt: „Der Anspruch von Herbert Kickl, Volkskanzler zu sein, trifft jedenfalls demografisch betrachtet bereits zu.“ Grundlage seiner Aussage ist eine OGM-Längsschnittanalyse mit mehreren Befragungen von 3.000 Wahlberechtigten aus diesem Jahr, wonach die FPÖ die gleichmäßigste demografische Verteilung aller Parteien aufweist – bei Geschlecht, Alter, Stadt-Land-Verteilung und Beruf. Einzig bei der Bildung bleiben die Unterschiede deutlich: Menschen mit formal niedrigerer Bildung stimmen laut Bachmayer nach wie vor eher für die Blauen.
Wo die Unterschiede doch bleiben
Eine Detailanalyse von Meinungsforscher Peter Hajek aus dem Juni zeigt allerdings, dass es sehr wohl Gruppenunterschiede gibt. Bei reiner Männerwahl käme die FPÖ demnach auf 39 Prozent, bei reiner Frauenwahl nur auf 33 Prozent. Noch deutlicher fällt der Bildungsunterschied aus: 42 Prozent bei Menschen ohne Matura stehen 22 Prozent bei Maturantinnen und Maturanten gegenüber. Auch geografisch zeigt sich ein Gefälle – am Land liegt die Partei bei 39, in den Städten bei 31 Prozent. Besonders auffällig ist der Zuspruch bei den 30- bis 59-Jährigen, wo laut Hajeks Erhebung 45 Prozent für die FPÖ stimmen würden – jene Altersgruppe also, die mitten im Erwerbsleben steht und Druck am Arbeitsmarkt am unmittelbarsten spürt.
Eine Frage des Bauchgefühls
Inhaltlich dominieren laut Meinungsforschung derzeit Teuerung und Zuwanderung als wichtigste Themen. Entscheidend ist dabei aber weniger die tatsächliche persönliche Betroffenheit als das subjektive Gefühl von Unsicherheit und Ungerechtigkeit. „Die entscheidendste Frage ist, ob jemand optimistisch in die Zukunft blickt oder pessimistisch“, sagt David Pfarrhofer, Institutsvorstand des Market-Instituts, gegenüber profil. Aktuell blickten 60 Prozent der Befragten negativ in die Zukunft – und genau diese Gruppe wähle „mit großer Wahrscheinlichkeit“ die FPÖ, weil sie nicht mehr daran glaube, dass sich das eigene Leben durch Arbeit zum Besseren wandelt. Ohne Wirtschaftswachstum, ist Pfarrhofer überzeugt, sähe die Stimmungslage anders aus.
Ein Selbstläufer für Kickl
Dass sich die FPÖ zugleich in fünf Landesregierungen befindet, aber öffentlich weiterhin wie eine reine Oppositionspartei auftreten kann, wertet Filzmaier als eigene Stärke der Partei – unterstützt durch die parteinahe Medienwelt. Hinzu kommen aktuelle Affären wie jene um den früheren ÖVP-Klubobmann August Wöginger oder um den mittlerweile aus der ÖVP ausgeschlossenen Wiener Wirtschaftskammer-Präsidenten Walter Ruck, während Kanzler Christian Stocker und Vizekanzler Andreas Babler im Sommer durchs Land touren müssen, um für sich zu werben. Ob anderes Spitzenpersonal bei ÖVP und SPÖ helfen würde, bezweifelt Filzmaier: „Hätten sie einen Wunderwuzzi, hätten sie ihn wohl schon vorgestellt.“
Ein möglicher Hebel gegen den Trend
Einen Ansatzpunkt für die Regierungsparteien liefert eine Studie der deutschen Bertelsmann Stiftung, auf die profil bereits zuvor verwiesen hatte: Sichtbare, lokale Investitionen in Infrastruktur – etwa Breitbandausbau, ein neues Gewerbegebiet oder eine Schulsanierung – können demnach den Glauben an Verbesserung in einer Region wiederbeleben und rechtspopulistischen Parteien Stimmen kosten. Ob ÖVP und SPÖ auf diesen Hebel setzen, bleibt offen. Sich einfach auf einen Umfrage-Ausrutscher zu verlassen, wäre nach Einschätzung der Meinungsforscher jedenfalls riskant: Die aktuellen Werte sind seit Jahresbeginn bemerkenswert stabil.
Credits: Parlamentsdirektion/Thomas Topf
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