Zwangsheirat in Österreich: Ministerin spricht von „riesiger Dunkelziffer“

Zwangsheirat in Österreich: Ministerin spricht von „riesiger Dunkelziffer“

Nur 13 offiziell erfasste Opfer im Jahr 2025 – Experten gehen jedoch von bis zu 200 Zwangsverheiratungen mit Österreich-Bezug pro Jahr aus. Eine aktuelle parlamentarische Anfragebeantwortung offenbart eine gewaltige Lücke zwischen Schätzung und amtlicher Statistik. Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP) findet dafür deutliche Worte.

Die offizielle Statistik: 13 Opfer, alle weiblich

Die Anzeigestatistik des Innenministeriums weist für 2025 bundesweit 17 Verdächtige wegen Zwangsheirat aus, dem stehen 13 Opfer gegenüber – allesamt weiblich. Wichtig zur Einordnung: Hinter der Zwangsverheiratung eines Opfers können mehrere Täter stehen, auch aus derselben Familie. Seit 2016 ist Zwangsheirat in Österreich ein eigener Straftatbestand, wie die „Kleine Zeitung“ berichtet.

Eine riesige Lücke zur geschätzten Realität

Eine Anzeige bedeutet nicht automatisch eine gerichtliche Verurteilung – die Zahlen spiegeln lediglich die strafrechtliche Ersteinschätzung der Sicherheitsbehörden. Angesichts der geschätzten 200 Zwangsehen mit Österreich-Bezug pro Jahr wird demnach nur ein Bruchteil der Fälle überhaupt zur Anzeige gebracht.

Bauer: „Es ist zum Schämen“

Im Gespräch mit exxpress.at nahm Bauer deutlich Stellung: „Hier versagt ganz klar das Wertesystem der Menschen, die Mädchen mit 12, 13 Jahren verheiraten und sie damit aus dem Schulsystem und aus unserer Gesellschaft nehmen. Es ist jedenfalls zum Schämen, dass es noch immer Menschen gibt, die Zwangsheirat für völlig normal halten“, so die Integrationsministerin.

Aufklärung als zentrales Mittel

Neben einer neuen Schulbroschüre mit dem Titel „Deine Rechte. Deine Ferien. Deine Entscheidung“ sieht Bauer vor allem im Wissen der betroffenen Mädchen den entscheidenden Schutzfaktor: „Das Wissen, dass sie niemand zur Heirat zwingen darf und dass nur sie selbst darüber entscheiden, wen sie heiraten. Da wird von den Familien enormer Druck auf Mädchen aufgebaut“, erklärte sie gegenüber exxpress.at. Den Mädchen müsse bewusst gemacht werden, dass sie erstens „überhaupt nichts müssen, was sie nicht wollen“, und zweitens wissen sollten, dass es Hilfe gebe und sie nicht alleine seien.

Der Appell der Ministerin

An betroffene oder gefährdete Mädchen richtete Bauer einen direkten Aufruf: „Holt euch sofort Hilfe, wenn euch irgendwas komisch vorkommt, wenn ihr das Gefühl habt, in diesen Ferien passiert etwas mit mir, was ich nicht möchte.“ Als konkrete Anlaufstellen nannte sie das ÖIF Frauenzentrum, die FGM-C Koordinationsstelle, Rat auf Draht (147), PeriFeri, OrientExpress, die Gewaltschutzzentren sowie die Frauenhelpline. Abschließend betonte die Ministerin: „Vergessen wir nie, dass wir in einem Land leben, in dem man sich immer an die nächste Polizei wenden kann.“

Herkunftsländer der Opfer bleiben unbekannt

Die aktuellen Zahlen stammen aus einer parlamentarischen Anfrage von FPÖ-Frauensprecherin Rosa Ecker an Innenminister Gerhard Karner (ÖVP). Ecker wollte damit auch die Staatsbürgerschaften der Zwangsverheirateten in Erfahrung bringen – diese Angabe machte das Innenministerium jedoch nicht, da dafür laut Karner eine „manuelle retrospektive Auswertung“ nötig wäre, die zu hohen Verwaltungsaufwand bedeuten würde.

Die rechtliche Grundlage

Bestraft wird nach Paragraf 106a des Strafgesetzbuchs, wer eine Person mit Gewalt, gefährlicher Drohung oder durch die Androhung des Abbruchs familiärer Kontakte zur Eheschließung oder zur Begründung einer eingetragenen Partnerschaft nötigt. Der Strafrahmen reicht von sechs Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe.

Hinweis: Wer selbst betroffen ist oder sich Sorgen um eine andere Person macht, kann sich kostenlos und vertraulich an Rat auf Draht (147), die Frauenhelpline (0800 222 555) oder die Gewaltschutzzentren wenden.

Credits: BKA/Regina Aigner

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