Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht seinen russischen Widersacher Wladimir Putin zu einer weiteren Eskalation des Angriffskriegs bereit. In einem Interview mit ukrainischen Sendern warnte er am Samstag vor einer heimlichen Massenmobilisierung, die nicht nur den Krieg gegen die Ukraine, sondern auch Europa unter Druck setzen könnte.
„Ich werde eine halbe Million Menschen mobilisieren“
Wie Selenskyj im Gespräch mit dem Sender „United News“ erklärte, könnte eine verdeckte Einberufung Hunderttausender Russen zum Militärdienst nicht nur für den Krieg in der Ukraine gedacht sein, sondern auch der psychologischen Beeinflussung europäischer Länder dienen, wie oe24 berichtet. „Wozu? Um zu zeigen, dass ich im Herbst eine halbe Million Menschen mobilisieren werde. Und diese halbe Million werde ich nicht unbedingt nur in der Ukraine einsetzen“, zitiert das Portal den ukrainischen Präsidenten. Konkret rechnet Selenskyj mit einer Mobilisierung von 300.000 bis 500.000 Menschen, wie er bereits Ende Juli im Gespräch mit dem britischen Sender Sky News präzisiert hatte.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall
Nach Einschätzung Selenskyjs plant Putin die verdeckte Einberufung bewusst erst nach den russischen Parlamentswahlen, die für den 21. September 2026 angesetzt sind – es wären die ersten Duma-Wahlen seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022. Der Grund dafür liege auf der Hand: Der Kremlchef wolle die Mobilisierung „nicht offen“ durchführen, „weil er Angst vor seiner eigenen Gesellschaft hat“, so Selenskyj laut dem Portal United24Media. Zugleich bleibe die politische Unterstützung für Putin trotz interner Umfragen, die Widerstand gegen Krieg und Mobilisierung zeigten, weitgehend intakt – was dem Kremlchef trotz innenpolitischer Vorbehalte weiteren Handlungsspielraum verschaffe.
Symbolische Erfolge statt echter Verhandlungsbereitschaft
Putin zeige weiterhin keine Bereitschaft, den Krieg zu gerechten Bedingungen zu beenden, so Selenskyj laut oe24 weiter. „Stattdessen versucht er, zumindest symbolische Erfolge zu erzielen, mit denen er die enormen Verluste vor dem eigenen Volk rechtfertigen könnte.“ Aus ukrainischer Sicht ist die eigentliche Herausforderung für Russland dabei nicht allein die Zahl der Rekruten, sondern deren mangelnde Vorbereitung: Nach Angaben westlicher und ukrainischer Stellen wurden zahlreiche russische Soldaten zuletzt kaum ausgebildet und teils bereits wenige Tage nach ihrer Einberufung an die Front geschickt.
Drei Luftabwehrringe rund um Moskau
Als Reaktion auf verstärkte ukrainische Drohnenangriffe tief im russischen Hinterland habe die russische Armee inzwischen drei Luftabwehrringe rund um Moskau errichtet – „zusätzlich zu ihrer Luftwaffe, zusätzlich zu allem, was sie sonst noch haben“, so Selenskyj laut oe24. Um diesen Schutzschild aufzubauen, mussten die russischen Streitkräfte laut dem ukrainischen Präsidenten Luftabwehrsysteme aus allen Teilen ihres weitläufigen Staatsgebiets abziehen und in der Region um Moskau sowie, in geringerem Ausmaß, auch um St. Petersburg konzentrieren, wie das ukrainische Nachrichtenportal Ukrinform aus dem Interview zitiert. Selenskyj zeigte sich dennoch zuversichtlich: Egal wie stark die Luftabwehr sei, irgendwann gehe ihr die Munition aus – die Ukraine werde weiterhin Wege finden, darauf zu reagieren.
Ukrainische Geheimdienstoperation soll erheblichen Schaden angerichtet haben
Im selben Interview berichtete Selenskyj laut Ukrinform zudem von einer ukrainischen Operation, an der die Streitkräfte, die Spezialeinsatzkräfte, der Militärgeheimdienst, der Inlandsgeheimdienst SBU sowie der Auslandsgeheimdienst beteiligt gewesen seien. Die dadurch verursachten russischen Verluste bezifferte er auf umgerechnet rund eine Billion Rubel – nach seinen Worten eine „sehr erfolgreiche Operation“ der ukrainischen Seite.
Kreml schweigt bislang zu den Mobilisierungsplänen
Aus Moskau selbst liegt bislang kein offizielles Statement zu den von Selenskyj geschilderten Mobilisierungsplänen vor. Der frühere russische Präsident und heutige Putin-Vertraute Dmitri Medwedew wies Berichte über eine unmittelbar bevorstehende neue Einberufungswelle zuletzt zurück, wie das Portal National Security Journal berichtet. Ob es sich dabei um eine tatsächliche Dementierung oder lediglich um Ablenkung handelt, bleibt offen – ukrainische Geheimdienste gehen jedenfalls schon seit längerem davon aus, dass Russland seine Rekrutierungsziele zuletzt deutlich verfehlt hat: Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 soll das Land sein Anwerbungsziel um rund 30.000 Personen verpasst haben, was die Behörden bereits zu höheren Anwerbungsprämien für Freiwillige gezwungen habe.
Credits: BKA, Christopher Dunker
Neueste Kommentare