Zurück zum Start? Was die Dinghofer-Debatte über Österreichs Parteien und ihre Vorbilder verrät

Zurück zum Start? Was die Dinghofer-Debatte über Österreichs Parteien und ihre Vorbilder verrät

Am Abend des 9. November sitzt Zeithistoriker Oliver Rathkolb in der ZIB2. Es ist der Gedenktag an die Novemberpogrome 1938, als in Österreich Synagogen brannten, jüdische Geschäfte zerstört, Menschen gejagt, misshandelt und ermordet wurden. Rathkolb erinnert daran, dass diese Gewalt den Beginn der systematischen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung markierte – und dass Antisemitismus heute wieder deutlich sichtbarer ist: Im zweiten Halbjahr 2025 wurden in Österreich 726 antisemitische Vorfälle gezählt, doppelt so viele wie im Jahr 2023. (OE24)

Dann kommt er auf ein Thema zu sprechen, das seit Tagen Wellen schlägt: das sogenannte Dinghofer-Symposium im Parlament. Franz Dinghofer – deutschnationaler Politiker der Ersten Republik, Republiksgründer, später NSDAP-Mitglied.

„Die FPÖ muss sich ihre eigenen Vorbilder genauer ansehen“, sagt Rathkolb.

Die Partei müsse eine klare Trennlinie ziehen, „zurück zum Start“. (OE24)

Österreichs Gegenwartspolitik landet damit mitten in einer alten, nie ganz geklärten Frage: Wer darf in diesem Land als Vorbild gelten – und wer nicht?

Wer war Franz Dinghofer?

Franz Seraph Dinghofer (1873–1956) war Richter, deutschnationaler Politiker und einer der wichtigsten Vertreter des großdeutschen Lagers in der späten Monarchie und der Ersten Republik. Er war Bürgermeister von Linz, später Nationalratspräsident – und jener Mann, der am 12. November 1918 von der Rampe des Parlaments aus die Republik Deutschösterreich ausrief. (Wikipedia)

In der öffentlichen Selbstdarstellung der FPÖ und ihres nahestehenden Dinghofer-Instituts erscheint er vor allem als „Baumeister der Republik“, als Verdienter der Demokratie. ORF III widmete ihm 2019 eine Dokumentation in der Reihe „Baumeister der Republik“, die gemeinsam mit Heinz-Christian Strache präsentiert wurde.

Die historische Forschung zeichnet ein anderes Bild. Der Linzer Stadtgeschichtsforscher Walter Schuster, das Mauthausen Komitee Österreich und mehrere Zeithistoriker verweisen seit Jahren auf Dinghofers antisemitische Positionen und seine Nähe zum Nationalsozialismus. (DER STANDARD)

Konkret gilt heute als gut dokumentiert:

  • Dinghofer trat 1940 der NSDAP bei. Das Mauthausen Komitee ließ beim Deutschen Bundesarchiv nachfragen, dort findet sich ein Aufnahmeantrag vom April 1940; mit 1. Juli 1940 wurde Dinghofer als Mitglied geführt. (ooe.ORF.at)
  • Er war bereits in der Zwischenkriegszeit ein prominenter Vertreter des parteiförmig organisierten antisemitischen Deutschnationalismus. Die Linzer Grünen bezeichneten ihn schon 2009 als einen „Gründungsvater“ dieses Milieus. (DER STANDARD)

Mehrere Zeithistoriker und die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) kritisieren deshalb, dass im Parlament – ausgerechnet in der Woche des Gedenkens an Pogromnacht und Holocaust – eine Veranstaltung stattfindet, die nach einem „deklarierten Antisemiten und Nationalsozialisten“ benannt ist. (diepresse.com)

Die FPÖ weist diese Lesart zurück. Sie präsentiert Dinghofer als Opfer des Nationalsozialismus, verweist auf seine Absetzung als Oberster Gerichtshofspräsident 1938 und spricht von „Geschichtsfälschung“, wenn Historiker auf seine NSDAP-Mitgliedschaft und antisemitische Positionen hinweisen. (DER STANDARD)

Zwischen diesen beiden Versionen – einem Republiksgründer mit brauner Biografie und einem vermeintlich zu Unrecht diffamierten Vorbild – tobt der aktuelle Schlagabtausch.

„Zurück zum Start“ – ein Satz mit Sprengkraft

Rathkolbs ZIB2-Satz wirkt zunächst wie eine direkte Aufforderung an die FPÖ: Die Partei solle in Sachen Antisemitismus und NS-Vergangenheit einen klaren Schnitt machen, ihre Traditionen und Vorbilder kritisch prüfen. (OE24)

Doch der Satz berührt etwas Größeres. Denn der „Start“, zu dem Österreich in Sachen Zeitgeschichte immer wieder zurückkehrt, ist kompliziert.

Nach 1945 erklärte sich die Zweite Republik zum „ersten Opfer“ Hitler-Deutschlands – eine Erzählung, die es leichter machte, eine nationale Identität zu rekonstruieren. Gleichzeitig integrierte das Land aber Hunderttausende ehemalige NSDAP-Mitglieder, vielfach schnell und ohne tiefgehende juristische oder gesellschaftliche Auseinandersetzung. (fbi-politikschule.at)

Diese Spannungen ziehen sich durch alle großen politischen Lager. Die Dinghofer-Debatte trifft deshalb einen Nerv, der weit über die FPÖ hinausgeht.

Die SPÖ: Opfertradition und „braune Flecken“

Die Sozialdemokratie gilt traditionell als antifaschistische Kraft. Viele ihrer führenden Funktionäre waren Opfer des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus – in Haft, im Exil, im Widerstand. Gleichzeitig haben SPÖ und ihr Umfeld nachweislich zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten integriert.

Erst in den 2000er-Jahren ließ die Partei ihre eigene Geschichte systematisch untersuchen. Zwei Historikerberichte gelten als Referenz:

  • „Der Wille zum aufrechten Gang“ (2005) – eine vom Bund Sozialdemokratischer Akademiker:innen (BSA) in Auftrag gegebene Studie der Historiker Wolfgang Neugebauer und Peter Schwarz, die die Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten analysiert. (doew.at)
  • Eine zweite, von der SPÖ beauftragte Studie zu den „braunen Flecken in der SPÖ“, präsentiert 2005 im Renner-Institut. (OTS.at)

Das Ergebnis war deutlich:

  • Unter den SPÖ-Abgeordneten im Nationalrat, Bundesrat und in den Landtagen waren nach 1945 rund zehn Prozent ehemalige NSDAP-Mitglieder. (OTS.at)
  • Der BSA entwickelte sich in den späten 1940er-Jahren zu einem zentralen Vehikel, um frühere Nazis – vor allem Akademiker – in die Nachkriegsgesellschaft zu integrieren. Der Grund: Die SPÖ hatte nach den Jahren der Verfolgung zu wenige eigene Fachkräfte für Verwaltung, Justiz und verstaatlichte Betriebe. (diepresse.com)

Besonders sichtbar wurde diese Praxis in den 1970er-Jahren unter Bruno Kreisky. Der spätere Langzeitkanzler war selbst vor den Nationalsozialisten geflohen, besetzte aber Schlüsselressorts mit Männern, die eine NS-Vergangenheit hatten:

  • Innen- und später Verteidigungsminister Otto Rösch, 1938 NSDAP-Mitglied und Lehrer an einer Napola-Eliteschule.
  • Landwirtschaftsminister Johann Öllinger, früher SS-Untersturmführer, der sein Amt nach wenigen Wochen wieder niederlegen musste.
  • Weitere Ex-NSDAP-Mitglieder als Minister: Oskar Weihs und Günther Haiden (Landwirtschaft), Josef Moser (Bauten) und Erwin Frühbauer (Verkehr). (DER STANDARD)

In Summe saßen in der ersten Kreisky-Regierung sechs ehemalige Nationalsozialisten. (DER STANDARD)

Der Fall des Gerichtspsychiaters Heinrich Gross – einst Euthanasie-Arzt an der Kinder-„Euthanasie“-Anstalt Am Spiegelgrund, später einflussreicher Gerichtsgutachter – zeigt zudem, wie weit die Bereitschaft reichte, schwer belastete Personen wieder in zentrale Funktionen zu holen, auch mit Unterstützung aus sozialdemokratischen Kreisen.

Die SPÖ war damit beides zugleich: eine Partei, in der viele Opfer des Nationalsozialismus politisch Heimat fanden – und eine Partei, die ehemalige Täter und Mitläufer wieder integrierte, teils auf höchster Ebene.

Die ÖVP: Ähnlicher Befund, andere Erzählung

Auch die ÖVP ließ erst spät einen umfassenden Historikerbericht erstellen. 2019 fassten mehrere Medien die Ergebnisse zusammen:

  • Ein von der SPÖ beauftragter Bericht hatte bereits gezeigt, dass etwas mehr als zehn Prozent der roten Mandatare nach 1945 ehemalige NSDAP-Mitglieder waren.
  • Eine parallel ausgewertete Studie ergab, dass der Anteil in ÖVP-Reihen im ähnlichen Bereich lag, teils sogar leicht darüber – je nach Auswertung rund elf bis dreizehn Prozent. (DER STANDARD+Kurier)

In der öffentlichen Wahrnehmung haftet der ÖVP weniger stark der Vorwurf der bewussten „Sammlung der Ehemaligen“ an als der FPÖ. Nichtsdestotrotz zeigen die Zahlen: Auch im christlich-sozialen Lager war die Integration ehemaliger Nationalsozialisten kein Ausnahmefall, sondern Teil der politischen Normalität der Nachkriegszeit. (Kurier)

Die FPÖ: Das „dritte Lager“ und seine Traditionslinien

Die Freiheitliche Partei unterscheidet sich von SPÖ und ÖVP vor allem in einem Punkt: Sie ging nicht aus einer der beiden großen Vorkriegsparteien hervor, sondern aus dem sogenannten „dritten Lager“.

Vorläufer war der Verband der Unabhängigen (VdU), eine Partei, die nach 1945 stark von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern getragen wurde. Aus dem VdU entstand Mitte der 1950er-Jahre die FPÖ. (Institut für Zeitgeschichte)

Zum ersten Bundesparteiobmann wählte die FPÖ Anton Reinthaller:

  • Reinthaller war SS-Brigadeführer, trug das „Goldene Parteiabzeichen“ der NSDAP und war 1938 Landwirtschaftsminister im Anschlusskabinett.
  • Im NS-Regime stieg er zum Unterstaatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf. (Wikipedia)

„Zurück zum Start“ – oder endlich nach vorne?

Wenn Rathkolb sagt, die FPÖ müsse „zurück zum Start“, kann dieser Satz auf zwei Arten gelesen werden. Wörtlich, als Aufforderung an eine Partei, die sich auf deutschnationale Traditionen beruft, ihre eigene Geschichte kritisch zu prüfen. (OE24)

Und grundsätzlicher, als Erinnerung daran, dass der eigentliche Startpunkt der Zweiten Republik nicht nur 1945 ist, sondern auch jene Jahrzehnte danach, in denen Österreich sich für den Weg der Integration der „Ehemaligen“ entschied – statt für konsequente Distanz.

Die Dinghofer-Debatte zwingt nun alle Beteiligten, sich zu positionieren:

  • Historiker und die IKG fordern, dass ein bekennender Antisemit und früherer NSDAP-Mann nicht im Parlament geehrt wird. (diepresse.com)
  • Die FPÖ spricht von Geschichtsfälschung und einer „Rufmordkampagne“ gegen einen Mann, den sie als republikanischen Staatsmann verehrt.
  • SPÖ und ÖVP verweisen auf ihre Historikerberichte und braunen Flecken – und nutzen zugleich die Causa, um den politischen Gegner anzugreifen. (DERSTANDARD+OTS.at)

Am Ende bleibt eine einfache, unangenehme Frage:
Nicht ob es in allen Parteien Menschen mit NS-Vergangenheit und antisemitischen Haltungen gab – das ist historisch belegt. Sondern wer heute noch als Vorbild gelten darf und wer nicht. Die Antwort darauf entscheidet weniger über die Vergangenheit, als über den Zustand der österreichischen Demokratie im Jahr 2025.

Credits: APA

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest

0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x