US-Präsident Donald Trump hat das Land dazu aufgerufen, sich von den Epstein-Akten zu lösen. Opfervertreter und Kongressabgeordnete reagieren empört – während zentrale Fragen zur systematischen Ausbeutung Minderjähriger unbeantwortet bleiben.
Am 3. Februar 2026 stand Donald Trump im Oval Office vor der CNN-Reporterin Kaitlan Collins und äußerte eine Aussage, die bei Überlebenden sexuellen Missbrauchs für Entsetzen sorgte. Auf die Frage nach Opfern Jeffrey Epsteins, die sich weiterhin um Gerechtigkeit betrogen fühlen, sagte Trump: „Ich denke, es ist wirklich an der Zeit, dass das Land zu etwas anderem übergeht.“ Seine Begründung: Es sei nichts gegen ihn herausgekommen, außer einer „Verschwörung“ von Epstein gegen ihn.
Die Äußerung fiel in eine ohnehin angespannte Phase. Erst vier Tage zuvor hatte das US-Justizministerium rund drei Millionen weitere Seiten aus den Epstein-Ermittlungsakten veröffentlicht – ein massiver Datenbestand, der 2.000 Videos und 180.000 Bilder enthält. Doch statt für Aufklärung zu sorgen, hat die Veröffentlichung neue Kontroversen ausgelöst.
Versäumnisse beim Opferschutz
Das Justizministerium geriet massiv in die Kritik, weil es die Identitäten zahlreicher Opfer nicht ausreichend geschwärzt hatte. Rechtsanwälte, die mehr als 200 mutmaßliche Opfer vertreten, bezeichneten die Veröffentlichung als „die schwerwiegendste Verletzung der Privatsphäre von Opfern an einem einzigen Tag in der Geschichte der Vereinigten Staaten“. Eine Überprüfung durch MS NOW ergab, dass die Identitäten von über 40 bekannten oder vermuteten Überlebenden preisgegeben wurden.
Danielle Bensky, eine Epstein-Überlebende, berichtete gegenüber MSNBC, sie habe ihren Namen „überall in den Akten“ gefunden. Sie erinnerte sich an ein Treffen mit Sprecher Mike Johnson, bei dem dieser den Opfern „direkt in die Augen geschaut“ und Schutz versprochen habe. „Es fühlt sich an, als wäre es bei jeder Gelegenheit nur ein Spiel – aber für uns ist es kein Spiel. Es ist unser Leben“, sagte Bensky.
Während Opferidentitäten offengelegt wurden, blieben zentrale Informationen über mögliche Mittäter und Unterstützer Epsteins geschwärzt. Eine CNN-Analyse der Dokumente identifizierte mehrere Fälle, in denen die Details von Personen, die Epstein möglicherweise geholfen haben könnten, unkenntlich gemacht wurden.
Trumps Name in den Akten
Laut einer Auswertung der New York Times wird Trump in den am 30. Januar veröffentlichten Akten mehr als 38.000 Mal erwähnt. Die Verweise umfassen Dokumente zu Trump, seiner Frau Melania und ihrer Residenz Mar-a-Lago.
In einem FBI-Hinweisblatt taucht Trumps Name mehrfach in Missbrauchsvorwürfen auf, darunter eine Anschuldigung, wonach Trump ein mutmaßliches Opfer Epsteins – vermutlich 13 oder 14 Jahre alt – gezwungen habe, an ihm Oralverkehr zu vollziehen, „vor etwa 35 Jahren“ in New Jersey. Trump ist weder angeklagt noch beschuldigt worden; die Vorwürfe wurden nie verifiziert.
Das Justizministerium betonte, die Akten enthielten „unwahre und sensationslüsterne Behauptungen“ gegen Trump. Stellvertretender Justizminister Todd Blanche versicherte, man habe „Trump nicht geschützt. Wir haben niemanden geschützt oder nicht geschützt.“
Dennoch sorgte die Veröffentlichung für Spekulationen. Ein Foto, das Trumps Gesicht nur teilweise schwärzte – sein Ohr blieb sichtbar –, wurde als Versuch gewertet, den Präsidenten zu verbergen. Andere Bilder aus Epsteins Anwesen, die Trump, Melania, Epstein und Ghislaine Maxwell zeigten, wurden zunächst entfernt und später wieder hochgeladen.
Kritik von Opfern und Kongress
Die Reaktionen auf Trumps Aussage, das Land solle „weitermachen“, fielen scharf aus. Haley Robson, eine Epstein-Überlebende, hatte sich bereits im November 2025 vor dem Kapitol direkt an Trump gewandt: „Ich bin traumatisiert. Ich bin nicht dumm.“ Jena-Lisa Jones, eine weitere Überlebende, nannte Trumps Umgang mit der Angelegenheit „eine nationale Peinlichkeit“.
Annie Farmer, die Epstein ebenfalls als Opfer beschuldigte, sagte gegenüber CNN: „Ich glaube nicht, dass das etwas ist, worüber man lächeln sollte“ – eine Anspielung auf Trumps Attacke gegen Collins, die er dafür kritisierte, dass sie während der Befragung nicht lächelte.
Der demokratische Abgeordnete Ro Khanna und der republikanische Kongressabgeordnete Thomas Massie, die das Epstein Files Transparency Act einbrachten, kritisierten, das Justizministerium habe „bestenfalls die Hälfte der Dokumente“ veröffentlicht, die gesetzlich vorgeschrieben seien. Sie fordern Zugang zu FBI-Opferbefragungen, einem Entwurf für eine Anklage aus dem Jahr 2007 und hunderttausenden E-Mails von Epsteins Computern.
Systematischer Missbrauch Minderjähriger
Im Zentrum des Skandals steht Jeffrey Epstein, ein verurteilter Sexualstraftäter, der 2019 in Bundesgewahrsam starb. Seine langjährige Vertraute Ghislaine Maxwell wurde 2021 in mehreren Anklagepunkten für schuldig befunden, weil sie zwischen 1994 und 2004 aktiv am sexuellen Missbrauch Minderjähriger beteiligt war. Sie sitzt derzeit eine 20-jährige Haftstrafe ab.
Die Akten dokumentieren ein System der Ausbeutung: Unter dem Vorwand, junge Mädchen für Massagen einzustellen, wurden Minderjährige in Epsteins Anwesen gelockt und sexuell missbraucht. Die Verurteilung Maxwells und die umfangreichen FBI-Ermittlungen zeichnen das Bild einer jahrzehntelangen organisierten Ausbeutung.
Politische Dimensionen
Trumps Umgang mit den Epstein-Akten hat sich mehrfach gewandelt. Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2024 versprach er, zusätzliche Epstein-Akten zu veröffentlichen. Im November 2025 widersetzte sich seine Regierung zunächst der Veröffentlichung, bevor Trump in einer überraschenden Kehrtwende Republikaner dazu aufrief, das Gesetz zu unterstützen. Damals schrieb er auf Social Media: „Wir haben nichts zu verbergen, und es ist Zeit, von diesem demokratischen Schwindel weiterzukommen.“
Ein Meinungsumfrage von Reuters aus Dezember 2025 ergab, dass nur 23 Prozent der Amerikaner Trumps Umgang mit dem Epstein-Fall gutheißen. Eine CNN-Umfrage vom Januar 2026 zeigte, dass 49 Prozent der Befragten mit der Menge der veröffentlichten Akten unzufrieden waren; zwei Drittel glaubten, die Regierung halte absichtlich Informationen zurück.
Die Frage nach Gerechtigkeit
Trumps Aufforderung, „zu etwas anderem überzugehen“ – etwa zur Gesundheitsversorgung, „etwas, das die Menschen interessiert“ – steht in scharfem Kontrast zur Perspektive der Opfer. Für sie geht es nicht um politische Ablenkungsmanöver, sondern um fundamentale Fragen der Gerechtigkeit.
Die Demokratische Partei reagierte mit einer scharfen Stellungnahme: „Donald Trump und sein Weißes Haus haben mehr als ein Jahr lang versucht, die Wahrheit über Jeffrey Epsteins Verbrechen zu vertuschen – und jetzt, wo Epsteins Überlebende noch immer auf Gerechtigkeit warten, sagt er den Amerikanern, sie sollen weitermachen.“
Die zentrale Frage bleibt: Wenn es um systematischen Missbrauch Minderjähriger geht – um dokumentierte Ausbeutung, Menschenhandel und jahrzehntelanges organisiertes Verbrechen – kann es dann jemals „Zeit sein, weiterzumachen“, solange grundlegende Fragen ungeklärt bleiben und die Verantwortlichen im Schatten bleiben?
Die Antwort der Opfer ist eindeutig: Nein.
Credits: APA
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