Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten für den EU-Austritt. Heute bereuen viele diesen Entscheid – besonders die Jungen. Und selbst Barnier, der damalige EU-Chefunterhändler, lässt eine Rückkehr offen.
Bis zu 60 Prozent wollen zurück
Anlässlich des zehnten Jahrestags des Brexit-Referendums zeichnen aktuelle Umfragen ein eindeutiges Bild: Wie SRF unter Berufung auf das Umfrageinstitut Ipsos berichtet, würden bis zu 60 Prozent der Befragten gerne erneut über einen Wiedereintritt Großbritanniens in die EU abstimmen. 52 Prozent sprechen sich für einen Wiedereintritt aus, nur 33 Prozent sind dagegen.
Junge fühlen sich eingesperrt
Besonders deutlich ist die Stimmung laut SRF unter den Jüngeren: Von den 18- bis 34-Jährigen wollen 68 Prozent zurück in die EU – viele von ihnen konnten vor zehn Jahren noch gar nicht abstimmen. SRF-Wirtschaftsredaktorin Charlotte Jacquemart erklärt, warum: Junge Briten können innerhalb der EU zwar weiterhin leben, studieren oder arbeiten, aber es sei „mühsam geworden“. Die neuen administrativen Hürden kosteten nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Sie fühlten sich „auf der Insel eingesperrt“.
Als konkretes Beispiel nennt SRF eine ARD-Reportage, die zeigte, wie aufwendig und kostspielig Europatourneen für junge britische Musiker geworden sind. Laut ARD seien demnach 59 Prozent der Europatourneen von Künstlern aus dem Vereinigten Königreich mittlerweile nicht mehr profitabel.
Wirtschaft leidet noch immer
Auch die wirtschaftlichen Fakten sprechen laut SRF eine klare Sprache. Das Pfund hat an Wert verloren, was Großbritannien mehr Inflation gebracht habe. Die britische Wirtschaft hinke als Ganzes hinter der EU her. Laut SRF sind die Investitionen in Großbritannien heute 18 Prozent tiefer als im EU-Schnitt. Gleichzeitig seien Produktivität und Beschäftigung gesunken, während Arbeitskräfte fehlten – besonders am Bau, in der Gastronomie und in der Industrie. Ökonomen kämen übereinstimmend zum Schluss, dass der Brexit Großbritannien ärmer gemacht habe.
Barnier lässt Rückkehr offen
Besonders aufhorchen lässt laut SRF ein Interview des britischen Guardian mit Michel Barnier – dem damaligen EU-Chefunterhändler in den Austrittsverhandlungen. Barnier erklärte, das Vereinigte Königreich könnte der EU wieder unter den alten Bedingungen beitreten, einschließlich der Ausnahmen, die Großbritannien damals hatte – darunter die eigene Währung.
Konkret ist eine Rückkehr noch nicht. Im Juli findet laut SRF ein hochrangiges Treffen zwischen der EU und Großbritannien statt, bei dem es um Annäherungen in zentralen Dossiers geht. Eines der diskutierten Themen: Freizügigkeit für Junge in Ausbildung und Karriere.
EINORDNUNG DER READKTION
Die Umfragedaten zeigen eine bemerkenswerte Verschiebung gegenüber 2016, als 52 Prozent der Briten für den Austritt stimmten – heute liegen die Verhältnisse nahezu gespiegelt. Was sich nicht verändert hat: Zwischen einer Mehrheit, die einen Wiedereintritt befürwortet, und einem tatsächlichen Beitritt liegen enorme politische, rechtliche und zeitliche Hürden. Kein britischer Regierungschef hat bislang eine formelle Rückkehr angestrebt. Ob das Treffen im Juli tatsächlich einen Annäherungsprozess einleitet oder es beim gegenseitigen Wohlwollen bleibt, wird sich zeigen – zehn Jahre nach einem Entscheid, den die Mehrheit der Briten heute für falsch hält.
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