Der leise Aufstand: Verliert Putins Wirtschaftselite den Glauben?

Der leise Aufstand: Verliert Putins Wirtschaftselite den Glauben?

Russlands Unternehmer und Banker werden kritischer. Ausgerechnet beim wichtigsten Wirtschaftstreffen des Landes machen sich Zweifel breit: Der Krieg kostet — und immer mehr wissen das.

Das Treffen, das niemand so erwartet hat

Seit Mittwoch tagt in St. Petersburg das Internationale Wirtschaftsforum — Russlands Antwort auf Davos, heuer zum fünften Mal in Kriegszeiten. Doch die Stimmung ist eine andere als in den Vorjahren. Wie Reuters berichtet, sehen immer mehr Unternehmer, Banker und Wirtschaftsexperten den Krieg gegen die Ukraine als Hauptursache für die wachsenden Probleme der russischen Wirtschaft — und fordern hinter vorgehaltener Hand ein Ende des Konflikts.

Von 4,9 auf 0,4 Prozent: Der freie Fall

Der wirtschaftliche Hintergrund ist eindeutig. Wie The Moscow Times berichtet, wuchs Russlands Wirtschaft 2024 noch um starke 4,9 Prozent — befeuert von massiven Staatsausgaben für die Rüstungsindustrie. Dieses Modell ist nun ausgereizt. Wie Reuters meldet, schrumpfte die Wirtschaft im ersten Quartal 2026 bereits um 0,2 Prozent, die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr liegt laut Vizepremier Alexander Nowak bei mageren 0,4 Prozent.

Hohe Zinsen, westliche Sanktionen, sinkende Investitionen und ein massiver Arbeitskräftemangel bremsen die Konjunktur. Dazu kommen ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien, Häfen und Düngemittelfabriken, die laut Reuters bereits ein Viertel der russischen Raffineriekapazität beeinträchtigen.

„Die Regierung hat nichts anzubieten“ — ein Ex-Notenbanker packt aus

Die Kritik kommt inzwischen auch aus dem Establishment selbst. Wie Reuters zitiert, erklärte der frühere stellvertretende Notenbankchef Oleg Wjugin offen, die Regierung habe bei doppelstelligen Zinssätzen, höheren Kriegssteuern und sinkenden Investitionen schlicht keine brauchbaren Wachstumsideen. Mikhail Matonikov, Leiter des Analysezentrums der Sberbank, sagte gegenüber Reuters: „Die Wirtschaft braucht einen externen Schub“ — weder aus dem Staatshaushalt noch aus dem Bankensystem seien ausreichende Impulse zu erwarten.

Besonders bemerkenswert: Wie RBC Ukraine unter Berufung auf Reuters berichtet, warnte auch der kommunistische Duma-Abgeordnete Renat Suleimenow, die Wirtschaft werde eine weitere Verlängerung der „Sonderoperation“ nicht verkraften. Panzer und Granaten könnten den privaten Konsum nicht ersetzen.

Wer zu laut spricht, lebt gefährlich

So ungewohnt offen die Kritik klingt — sie bleibt vorsichtig formuliert und anonym. Das hat Gründe. Seit Kriegsbeginn sind laut internationalen Medienberichten dutzende Unternehmer und Oligarchen unter teils ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Offener Widerstand gegen Putin bleibt lebensgefährlich.

Eine echte Rebellion ist das also nicht. Es ist eher ein Signal: Russlands Wirtschaftselite weiß, dass das Kriegsmodell an seine Grenzen stößt — und traut sich, das zumindest im Flüsterton zu sagen.

Credits: Von Kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123219163

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