Was intern bleiben sollte, ist jetzt öffentlich: Mitschnitte einer ZDF-Betriebsversammlung zeigen, wie Chefredakteurin Bettina Schausten den Einsatz eines KI-generierten Fake-Videos gesteht — und wie US-Korrespondent Elmar Theveßen trotzdem beharrt: „Kein einziges Wort war falsch.“
Der Ausgangspunkt: Ein gefälschtes Video im Heute-Journal
Am 15. Februar 2026 strahlte das ZDF-Heute-Journal einen Beitrag über Abschiebeeinsätze der US-Behörde ICE aus. Darin zu sehen: ein KI-generiertes Video sowie ein vier Jahre altes, aus dem Kontext gerissenes Archivmaterial — beide eingesetzt, um das vermeintlich brutale Vorgehen von ICE gegen Kinder zu belegen. Beide Clips waren nicht als solche gekennzeichnet.
Erst zwei Tage später entschuldigte sich der Sender öffentlich. New-York-Studioleiterin Nicola Albrecht, die den Beitrag verantwortete, wurde abberufen. Zunächst hatte das ZDF „technische Gründe“ für die Panne angeführt — eine Erklärung, die sich rasch als unhaltbar erwies.
Die Betriebsversammlung: 1.100 Mitarbeiter, Kameras laufen mit
Als Reaktion auf den Skandal berief Chefredakteurin Bettina Schausten eine sogenannte „Open CR“ ein — eine sender weite Betriebsversammlung per Videochat, an der rund 1.100 Mitarbeiter aus In- und Auslandsstudios teilnahmen. Was dort gesagt wurde, sollte intern bleiben. Es blieb nicht intern.
Wie NIUS exklusiv berichtet, liegen dem Nachrichtenportal Video- und Tonmitschnitte aus der Versammlung vor. Die Enthüllungen haben es in sich.
Schausten räumt ein: Die Redakteurin Albrecht habe das KI-Video „wissentlich“ eingebaut — allerdings ohne Täuschungsabsicht. Albrecht habe sich selbst gesagt: „Ach, das geht ja, wenn ich es kennzeichne“ — und das Material dennoch ohne Kennzeichnung gesendet. Schausten spricht von „schweren Fehlern im Umgang mit Bildmaterial“ und gesteht: Man habe der Öffentlichkeit nach dem Vorfall schlicht „nicht die Wahrheit gesagt“. Die Tragweite des Skandals sei intern zu spät erkannt worden. Arbeitsrechtliche Konsequenzen für alle Beteiligten seien möglich.
Theveßen verteidigt: „Kein einziges Wort war falsch“
Der brisanteste Moment der Versammlung liefert US-Korrespondent Elmar Theveßen. Laut NIUS-Mitschnitten schaltet er sich aus Washington zu und erklärt unumwunden: „Ich will nur eines sehr klar machen: Kein einziges Wort an den Beiträgen von Nicola war falsch.“
Seine Begründung: Unter Trump würden mehr Kinder von ICE verhaftet als unter Obama. Kinder würden in Wohngebieten, Restaurants und Schulen festgenommen. Nicola Albrecht habe „die Realität absolut richtig abgebildet“. Und er legt nach: „Ich finde es schade, wenn im Grunde das Geraune von NIUS und anderen übernommen wird bei uns.“
Auf den Kern des Problems — dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mit dem Anspruch auf Wahrhaftigkeit gefälschte Bilder zur Illustration realer Vorgänge einsetzt — geht Theveßen nicht ein. Die Botschaft dahinter: Der Zweck heiligt die Mittel.
Eigene Mitarbeiter sprechen Klartext: „Relotius-Moment“
Nicht alle ZDF-Journalisten folgen dieser Lesart. Wie Apollo News und Journalistenwatch berichten, melden sich in der Versammlung mehrere Mitarbeiter kritisch zu Wort.
Ein Journalist bezeichnet die Affäre als „Relotius-Moment“ — eine direkte Anspielung auf den Spiegel-Fälschungsskandal von 2018. WISO-Moderatorin Sarah Tacke berichtet, sie werde bei Außenterminen inzwischen mit „Ach, Sie kommen vom KI-Fernsehen!“ konfrontiert — und beklagt ein „Klima der Angst“ in der Redaktion.
Ein anderer Mitarbeiter wird grundsätzlicher und fragt, ob das ZDF noch in der Lage sei, „in alle Richtungen des politischen Spektrums unvoreingenommen zu blicken“ — oder ob man längst „Weltbild-Bestätigungs-Sendungen“ produziere. Schausten selbst will den Vergleich mit Relotius nicht gelten lassen: Albrecht habe nicht vorsätzlich getäuscht und sich die Wirklichkeit nicht ausgedacht.
Intendant Himmler: „Image schwer beschädigt“
Im Hintergrund läuft eine weitere Uhr: ZDF-Intendant Norbert Himmler steht in weniger als einem Monat zur Wiederwahl. Wie Apollo News unter Berufung auf ein internes Schreiben berichtet, hat Himmler die Affäre in einer Mitteilung an die Belegschaft direkt angesprochen: „Die journalistischen Fehler haben das Image des ZDF in der Öffentlichkeit schwer beschädigt.“ Er fordert eine „sorgfältige Aufarbeitung“.
Was die Leaks zeigen
Die Mitschnitte sind mehr als eine interne Panne, die nach außen gedrungen ist. Sie dokumentieren, wie Führungskräfte eines der größten öffentlich-rechtlichen Sender Europas mit dem Einsatz gefälschter Bilder umgehen: Schausten räumt Fehler ein — verteidigt aber die Redakteurin. Theveßen erklärt, das Ergebnis sei trotzdem richtig. Kritische Stimmen aus der eigenen Belegschaft bleiben folgenlos.
Der Begriff „Relotius-Moment“, den die eigenen Mitarbeiter verwenden, trifft den Kern: Nicht die Absicht war das Problem, sondern die Überzeugung, mit dem richtigen Bild das richtige Bild zu zeichnen — auch wenn das Bild selbst gefälscht ist.
Quellen: NIUS (25./26.02.2026) – Primärquelle mit Originalmitschnitten der Betriebsversammlung · Apollo News (25./26.02.2026) · Journalistenwatch (25.02.2026) · Weltwoche / Ralf Schuler (26.02.2026) · ZDF-interne Mitteilung Intendant Himmler (laut Apollo News) · Originalbeitrag Heute-Journal vom 15.02.2026
Credits: APA
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