„Wir spionieren jeden aus“: Insider packt über Marokkos Pegasus-Einsatz aus

„Wir spionieren jeden aus“: Insider packt über Marokkos Pegasus-Einsatz aus

Ein pseudonymer Ex-Geheimdienstler namens Safir bricht das Schweigen. Erstmals berichtet ein Insider aus erster Hand, wie ein Staat die berüchtigte Spionagesoftware Pegasus tatsächlich im Alltag einsetzt – und widerlegt damit jahrelange offizielle Dementis des Königreichs Marokko.

Zehn Jahre im Herzen des marokkanischen Geheimdienstes

Der unter dem Pseudonym Safir bekannte Informant war fast ein Jahrzehnt lang für die marokkanische Inlandsgeheimdienstbehörde DGST (Direction Générale de la Surveillance du Territoire) tätig. Wie das Rechercheportal OCCRP berichtet, schilderte er detailliert, wie er und seine Kollegen Überwachungsoperationen mit Pegasus und anderen Spionage-Werkzeugen unterstützten. Journalisten konnten zentrale Elemente seiner Aussagen unabhängig verifizieren – unter anderem indem sie von Safir genannte Telefonnummern von DGST-Mitarbeitern mit einer geleakten Datenbank von Pegasus-Zielen aus den Jahren 2017 und 2018 abglichen. Die Zahlen stimmten überein.

Ein Geschenk der Emirate

Besonders aufschlussreich sind Safirs Angaben zur Herkunft der teuren Software. Laut dem britischen Guardian erklärte der Whistleblower, die Vereinigten Arabischen Emirate hätten Pegasus gekauft und an befreundete Geheimdienste weitergegeben. Er verglich das Modell mit einem Streaming-Abo: Ein Freund bezahle das Abonnement, die anderen nutzten einfach dessen Zugang mit. Bevor Marokko auf Pegasus zurückgriff, habe der Dienst noch auf klassischere Methoden gesetzt – etwa das gezielte Abhören von Internetcafés oder das Überreden von Handyhändlern, präparierte, bereits mit anderer Spähsoftware infizierte Mobiltelefone an Dissidenten zu verkaufen. Pegasus sei stets nur die letzte Option für besonders wichtige Ziele gewesen, wenn günstigere Mittel bereits ausgeschöpft waren. „Wir beginnen niemals mit Pegasus“, so Safir laut Guardian. „Es ist die Waffe des Monsters.“

Der Weg der Software nach Marokko

Laut Safir habe eine private Vermittlerfirma von der NSO Group konfigurierte Server nach Marokko verschifft und in den Rechenzentren der DGST installiert – dies habe marokkanischen Agenten Zugang zu einem Pegasus-Nutzer-Dashboard verschafft. Diese Vorgehensweise über einen zwischengeschalteten privaten Mittler habe es dem marokkanischen Geheimdienst ermöglicht, keine direkte Spur zur NSO Group zu hinterlassen – eine Taktik, die laut OCCRP von einer zweiten Geheimdienstquelle unabhängig bestätigt wurde.

„Wir spionieren jeden aus“

Auch zum Ausmaß der Überwachung äußerte sich ein weiterer ehemaliger DGST-Mitarbeiter gegenüber dem Rechercheverbund unverblümt: „Wir spionieren jeden aus“, so der Ex-Beamte laut dem britischen Guardian – eine derart breite gezielte Überwachung sei praktisch „einfach vorsichtshalber“ erfolgt.

Internationale Ziele bis ins Herz Frankreichs

Die neuen Enthüllungen reihen sich in bereits länger bekannte Erkenntnisse des ursprünglichen „Pegasus Project“ ein. Laut deutscher Wikipedia-Dokumentation fanden sich auf einer bereits 2021 geleakten Liste mit rund 10.000 marokkanischen Einträgen auch Nummern der marokkanischen Königsfamilie selbst sowie zahlreiche französische Telefonnummern, darunter jene des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Auch der spanische Journalist Ignacio Cembrero sowie die westsaharauische Menschenrechtsaktivistin Aminatou Haidar sollen laut den aktuellen Recherchen als Ziele erfasst worden sein – Haidars Telefon wurde nach OCCRP-Angaben sogar noch im November 2021 mit Spyware-Spuren gefunden.

Auch spanische Sicherheitsbehörden betroffen

Brisant sind zudem neue Details zur Ausspähung spanischer Sicherheitskräfte: Wie der Guardian berichtet, taucht die private Telefonnummer eines hochrangigen Offiziers der spanischen Gendarmerie Guardia Civil gleich fünfmal auf der Liste der für die Überwachung durch den mutmaßlich marokkanischen Nutzer ausgewählten Ziele auf. Ein hochrangiger Guardia-Civil-Vertreter bezeichnete die Enthüllung gegenüber dem Rechercheverbund als „einen Verrat“ – man habe bei der Zusammenarbeit mit dem eigentlich verbündeten Marokko keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen für sensible Kommunikation getroffen, weil man schlicht nicht mit einer Ausspähung gerechnet habe.

Ein internationaler Rechercheverbund

Die aktuellen Enthüllungen basieren auf einer mehrjährigen Recherche des marokkanischen Journalisten Hicham Mansouri und wurden koordiniert von der Organisation Forbidden Stories umgesetzt – mit technischer Unterstützung durch das Security Lab von Amnesty International. Insgesamt sind 14 internationale Medienorganisationen an der Recherche beteiligt, darunter Le Monde, Haaretz, El Confidencial, Die Zeit und der Guardian. Marokko selbst hat die Nutzung von Pegasus zur Überwachung eigener Bürger stets bestritten und frühere Vorwürfe der EU als „ungerecht“ zurückgewiesen.

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