Ein Festival, das sich dem offenen Diskurs verschreibt, sagt eine Diskussionsveranstaltung ab – nicht wegen rechtlicher Bedenken, sondern weil Beteiligte des künstlerischen Programms mit Absagen reagierten.
Was geplant war
Wie wien.ORF.at berichtete, hätte der US-amerikanische Techmilliardär und Trump-Vertraute Peter Thiel am 7. Juni im Wiener Hotel Intercontinental gemeinsam mit Festwochen-Intendant Milo Rau und dem Theologen Wolfgang Palaver unter dem Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“ diskutieren sollen. Die Veranstaltung war Teil des Festwochenprogramms „Republic of Gods.“
Warum abgesagt wurde – und warum das ungewöhnlich ist
Wie wien.ORF.at unter Berufung auf die Festwochen-Aussendung berichtete, trafen Intendant Milo Rau und Geschäftsführerin Artemis Vakianis die Entscheidung zur Absage am Samstagabend. Die Begründung ist bemerkenswert: Nicht rechtliche, inhaltliche oder organisatorische Gründe führten zur Absage – sondern eine „wachsende Anzahl kritischer Stimmen und immer zahlreicherer politisch oder ethisch motivierter Absagen von Beteiligten des künstlerischen Programms.“ Diese Absagen hätten die diesjährigen Festwochen „in einem untragbaren Umfang“ geschwächt.
Was den Vorfall noch pikanter macht: Wie wien.ORF.at berichtete, hatte ein eigens einberufener „Rat der Republik“ die Durchführung der Veranstaltung befürwortet. Drei externe Experten sprachen sich laut Festwochen-Aussendung einstimmig dafür aus, die Diskussion abzuhalten. Rau selbst bezeichnete die geplante Veranstaltung als „extrem spannend und thematisch konsequent“ – und sagte sie trotzdem ab.
Wer Peter Thiel ist
Wie wien.ORF.at berichtete, wurde Thiel mit dem Bezahldienst PayPal reich, mit der Überwachungssoftware Palantir einflussreich und gilt als einer der wichtigsten Förderer von US-Präsident Donald Trump sowie als Mentor von Vizepräsident JD Vance. Thiel hat sich öffentlich kritisch gegenüber freiheitlicher Demokratie und Multilateralismus geäußert – Positionen, die in Europa weithin als problematisch bewertet werden.
Die eigentliche Frage
Was den Fall über die Person Thiel hinaus relevant macht: Am Freitag vor der Absage hatten die Festwochen selbst eine öffentliche Debatte veranstaltet – mit dem expliziten Ziel, die Frage zu diskutieren, ob Thiel sprechen dürfe oder nicht. Das Ergebnis dieser Debatte: dafür. Die Entscheidung danach: dagegen.
Nicht eine Institution hat entschieden, dass Thiel nicht sprechen darf. Laut Festwochen-Aussendung waren es „politisch oder ethisch motivierte Absagen von Beteiligten des künstlerischen Programms“, die in ihrer Gesamtheit die Absage ausgelöst haben – obwohl weder die einberufene Debatte noch die externen Experten dazu geraten hatten. Ob das dem Selbstverständnis eines Festivals entspricht, das dem offenen demokratischen Diskurs verpflichtet ist, bleibt eine offene Frage.
Credits: Von Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=115161430 (mit KI erweitert)
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