Google baut sein erstes österreichisches Rechenzentrum in Kronstorf deutlich größer als ursprünglich geplant – und mit dem Ausbau wächst auch die Verwirrung um dessen tatsächlichen Stromverbrauch. Während der Netzbetreiber vor Rekordwerten warnt, spielt die Landespolitik die Zahlen herunter. Nur einer schweigt beharrlich: der Konzern selbst.
Ein Vollausbau, der niemand erwartet hatte
Erst Ende April fiel in der oberösterreichischen Gemeinde Kronstorf der Spatenstich für die erste Baustufe von Googles erstem Rechenzentrum in Österreich. Kaum sind dort die Bagger im Einsatz, hat der Konzern bereits den Antrag für den kompletten Ausbau des gesamten 50-Hektar-Areals eingereicht – nach Angaben von Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner (ÖVP) umfasst dieser Antrag das Eineinhalbfache der Fläche der bereits genehmigten ersten Baustufe.
Die widersprüchlichen Verbrauchsprognosen
Wie groß der tatsächliche Strombedarf am Ende ausfällt, darüber gehen die Einschätzungen erheblich auseinander. Die Netz Oberösterreich rechnete der APA vor, dass allein die aktuell im Bau befindliche erste Stufe auf bis zu 1,3 Terawattstunden (TWh) im Jahr kommen könnte – so viel wie 375.000 Haushalte verbrauchen. Bei einem Vollausbau mit 500 Megawatt Spitzenleistung wären es demnach bis zu 4,4 TWh, wie auch die Salzburger Nachrichten unter Berufung auf die Netz OÖ bestätigen. Das entspräche fast einem Drittel des gesamten oberösterreichischen Energieverbrauchs von 14 TWh im Jahr 2024.
Genau diesen Zahlen widerspricht die Landespolitik. „Selbst der nun eingereichte Gesamtausbau benötigt weniger als die Hälfte jener Energiemengen, die in der Vergangenheit teilweise genannt worden sind“, erklärte Achleitner laut MeinBezirk.at. Wie groß die Bandbreite der kursierenden Schätzungen tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf weitere Quellen: Horizont.at beziffert den möglichen Endausbau-Verbrauch auf 1,5 bis 2 TWh, der Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid hatte zwischenzeitlich sogar von einem Vergleichswert von 900.000 Haushalten gesprochen – bei nur rund 676.000 Haushalten in ganz Oberösterreich.
Google selbst schweigt
Zum erwarteten Jahresverbrauch äußert sich der Konzern beharrlich nicht. Bekannt ist von Google lediglich die technische Maximalkapazität: In der aktuellen ersten Baustufe liegt diese laut Angaben gegenüber dem Magazin Falter bei bis zu 150 Megawatt, nach dem vollständigen Ausbau soll sie bei maximal 500 Megawatt liegen – das entspräche rund fünf Prozent des gesamten österreichischen Strombedarfs. Der frühere, teils kolportierte Wert von 1.000 Megawatt sei laut Google „fälschlicherweise kommuniziert“ worden.
Ist die Versorgung überhaupt gesichert?
Eine wichtige Einordnung liefert die Regulierungsbehörde E-Control: Wie VOL.AT berichtet, hält der zuständige Vorstand Alfons Haber das Projekt grundsätzlich für verkraftbar. Österreich habe aktuell einen Gesamtverbrauch zwischen 60 und 65 TWh, der bis 2030 auf 80 bis 90 TWh steigen könnte – Großverbraucher wie das Google-Rechenzentrum seien in diesen Szenarien bereits mitberücksichtigt. Auch der neue Elektro-Hochofen der voestalpine in Linz zählt zu den geplanten Großabnehmern und wird laut Unternehmensangaben allein in der ersten Ausbaustufe rund eine Terawattstunde benötigen. Damit die tatsächliche Anbindung gelingt, braucht es laut Netzbetreibern aber konkrete Infrastrukturmaßnahmen: einen neuen 220-Kilovolt-Versorgungsring sowie den Ausbau der Umspannwerke zwischen Ernsthofen und Kronstorf.
Streit um die Umweltprüfung
Für zusätzlichen politischen Zündstoff sorgt der Umstand, dass für das Milliardenprojekt keine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) erforderlich ist. Rechenzentren sind schlicht keine eigene Vorhabenskategorie im UVP-Gesetz, zudem erreicht das Projekt die geltenden Schwellenwerte nicht, wie SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr kritisiert. Sie will das Thema in die laufenden Verhandlungen zur UVP-Gesetz-Novelle einbringen. Auch der grüne Landesrat Stefan Kaineder hält den Standort für „mehr als problematisch“ und kritisiert die Verbauung besonders fruchtbaren Ackerlands.
Widerstand vor Ort
Die Bürgerinitiative Rechenzentrum Kronstorf treibt vor allem der Verdacht um, die UVP-Schwellenwerte seien bewusst knapp unterschritten worden. Ihr Vertreter Harald Müllner kritisiert, die Landespolitik halte sich oft bedeckt, während Entscheidungen längst getroffen und umgesetzt würden. Die Initiative forderte für Freitagnachmittag zu einer Kundgebung an der Baustelle auf – verlangt werden unter anderem die vollständige Offenlegung aller Verträge zwischen Politik und Tech-Konzern sowie eine ehrliche Gesamtprüfung von Lärm-, Verkehrs- und Netzsicherheitsfragen.
Was Achleitner dem Projekt entgegenhält
Für den Wirtschaftslandesrat überwiegt trotz der Kritik der Nutzen: Er spricht von einer historisch größten Einzelinvestition in Oberösterreich, verbunden mit positiven Impulsen für die regionale Bauwirtschaft und dem Zukunftsfeld künstliche Intelligenz. Zur konkreten lokalen Wertschöpfung für die nur rund 3.500 Einwohner zählende Gemeinde Kronstorf selbst bleiben die Angaben aus dem Büro des Landesrats laut Falter allerdings vage – bekannt sind bislang lediglich rund 100 hochqualifizierte Arbeitsplätze direkt im Rechenzentrum.
Ob und wann der Vollausbau kommt
Fix ist der komplette Ausbau noch lange nicht: Die eingereichten weiteren Baustufen müssen zunächst sowohl baurechtlich als auch gewerberechtlich geprüft werden. Erst nach Abschluss dieser Verfahren steht fest, in welchem Umfang der Standort tatsächlich realisiert werden kann.
Credits: Fotokerschi/Markus Hauser
Neueste Kommentare