Ein Meilenstein im Kampf gegen Kinderkriminalität sollte sie werden – bislang ist die Wiener „Auszeit-WG“ vor allem eines. mehrfach verschoben und teuer. Eine parlamentarische Anfragebeantwortung liefert nun erstmals konkrete Zahlen zu einem Projekt, das seit Monaten für Diskussionen sorgt.
Ein Projekt mit langer Verzögerungsgeschichte
Bereits im April präsentierte Jugendstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) die Einrichtung als „Meilenstein im Kampf gegen Kinder- und Jugendkriminalität“. Wie der ORF Wien berichtet, sollte der Start ursprünglich schon im April erfolgen – verzögerte sich dann aber wegen notwendiger Umbauten bei Brandschutz und Fluchtwegtüren zunächst auf Mai, dann auf Juni. Seit Anfang Juli gilt das adaptierte Haus im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering laut Stadt als bezugsfertig, ein tatsächlicher Einzug ist öffentlich aber weiterhin nicht bestätigt.
Was die Einrichtung leisten soll
In der sogenannten Auszeit-WG sollen 11- bis 13-jährige Intensivtäter für sechs bis zwölf Wochen intensiv betreut werden – Platz ist dabei für zwei Kinder gleichzeitig. Wie exxpress unter Berufung auf eine Anfragebeantwortung von Emmerling berichtet, handelt es sich um ein rund 140 Quadratmeter großes Haus mit gesicherten Fenstern und Türen.
Die tatsächlichen Kosten
Bei der ursprünglichen Präsentation war von rund 800.000 Euro jährlich die Rede. Die mittlerweile vorliegende Anfragebeantwortung nennt nun konkretere Zahlen: Für 2026 veranschlagt die zuständige Magistratsabteilung 11 demnach 492.500 Euro, bei einer Fortführung nach der Evaluierungsphase sollen es jährlich 995.000 Euro werden. Bei voller Belegung kalkuliert die Stadt mit einem Tagsatz von 1.349,24 Euro pro Kind. Begründet wird der hohe Betrag mit der Betreuungsintensität: Mindestens zwei Pädagogen sollen rund um die Uhr anwesend sein, insgesamt sind 7,5 Vollzeitstellen vorgesehen – darunter eine pädagogische Leitung, jeweils zwei Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sowie eine diplomierte Sozialbetreuungskraft. Allein das pädagogische Personal kostet demnach jährlich 640.881 Euro.
Deutlich teurer als vergleichbare Angebote
Auffällig ist der Vergleich mit anderen Angeboten desselben Betreibers, des Vereins „Neue Wege“: Gewöhnliche sozialpädagogische Wohngemeinschaften kosten laut Anfragebeantwortung zwischen 258 und 333 Euro pro Tag, sozialtherapeutische WGs zwischen 625 und knapp 980 Euro. Selbst besonders betreuungsintensive Einzelwohnprojekte für Minderjährige erreichen maximal 1.146,77 Euro täglich – die Auszeit-WG liegt damit über sämtlichen anderen Tagsätzen des Betreibers. Einen Kostenvergleich mit ähnlichen Projekten im europäischen Ausland führte die Stadt laut der Anfragebeantwortung nicht durch, mit der Begründung, es gebe kaum vergleichbare Modelle.
Strenge rechtliche Hürden für die Aufnahme
Rechtlich darf die Stadt ein Kind nicht allein wegen wiederholter Raubüberfälle, Einbrüche oder Gewalttaten in der Einrichtung festhalten. Die Unterbringung erfolgt auf Basis des Heimaufenthaltsgesetzes und setzt eine psychiatrische Diagnose, eine erhebliche Selbst- oder Fremdgefährdung sowie das Fehlen eines gelinderen Mittels voraus. Über eine Aufnahme entscheidet eine Kommission aus sozialpädagogischen Fachkräften und Polizei, zusätzlich muss ein Gericht die Maßnahme überprüfen.
Nur ein Bruchteil der erfassten Intensivtäter betroffen
61 Kinder unter 14 Jahren gelten in Wien nach der breiten Definition der Polizei als Intensivtäter, mit mindestens fünf Straftaten, darunter wenigstens einer schweren. Die Stadt selbst rechnet enger: Rund 30 Kinder begehen demnach mindestens zehn Delikte pro Jahr, fünf bis sechs davon gelten als besonders schwere Fälle. Laut der zuständigen Magistratsabteilung kommen derzeit ungefähr zehn Kinder grundsätzlich für die neue Einrichtung infrage. Bei zwei Plätzen und Aufenthaltsdauern von sechs bis zwölf Wochen könnten rechnerisch acht bis höchstens 16 Kinder jährlich aufgenommen werden.
Kritik von mehreren Seiten
Bereits im Vorfeld der Eröffnung hatte es Kritik an dem Projekt gegeben. Wie der ORF berichtete, äußerten sich Grüne, FPÖ und das Vertretungsnetz kritisch, ebenso Volksanwalt Bernhard Achitz (SPÖ). Die Einrichtung sei „schon eher fraglich“, das Kindeswohl müsse in jedem Fall im Vordergrund stehen, so Achitz – bei unmündigen Straftätern müsse man zunächst alle pädagogischen Maßnahmen verschärfen, bevor man zu freiheitsentziehenden Maßnahmen greife.
Wie die Vergabe erfolgte
Den Zuschlag erhielt im Rahmen einer Direktvergabe der bereits seit 2011 als Vertragspartner der Stadt tätige Verein „Neue Wege“, der laut eigenen Angaben Ende März bereits 98 Kinder und Jugendliche in Wien und Oberösterreich betreute. Eine formelle Kostenbeteiligung des Bundes ist für das Projekt nicht vorgesehen.
Credits: Stadt Wien / David Bohmann
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