Ein Gespräch zwischen Weltwoche-Kolumnistin Tamara Wernli und dem Schweizer Historiker Markus Somm sorgt für Diskussionsstoff: Warum tendieren Frauen – vor allem junge Akademikerinnen – stärker zu linken Parteien als Männer? Wissenschaftliche Daten zeigen: Das Phänomen ist real, die Ursachen aber vielschichtig.
Der Trend ist messbar
Was politische Beobachter seit Jahren ahnen, belegen Zahlen inzwischen klar. Wie das Handelsblatt unter Berufung auf eine Auswertung der Financial Times und des Meinungsforschungsinstituts Gallup berichtet, gibt es weltweit einen wachsenden „Global Gender Divide“ – eine politische Schere zwischen Frauen und Männern, die sich seit Jahren öffnet. In Deutschland wählten bei der Bundestagswahl 2025 laut ZDF erstmals mehr Frauen als Männer Parteien links der Mitte. Am stärksten ausgeprägt ist der Unterschied in der Altersgruppe 18 bis 24: Hier wählten 35 Prozent der jungen Frauen die Linke, während bei jungen Männern die AfD stärkste Partei wurde.
Eine Studie auf Basis repräsentativer Daten aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten zeigt: Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien erhalten unter jungen Männern deutlich mehr Zustimmung als unter jungen Frauen – 21 Prozent gegenüber rund 14 Prozent. HUMBOLDT-GOV.LAB
Was der Historiker erklärt
In der Weltwoche interpretiert der Schweizer Historiker Markus Somm den Befund kulturhistorisch: Der Liberalismus mit seinen Kernwerten Eigenverantwortung, Leistung und Wettbewerb sei tendenziell eine männlich geprägte Ideologie. Frauen hingegen orientierten sich stärker an Gemeinschaft, Fürsorge und Ausgleich – nicht nur durch Erziehung, sondern auch biologisch verankert. „In der Familie findet letztlich eine Umverteilung statt“, sagt Somm. Wer Jahrtausende lang Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten versorgt und ausgeglichen habe, übertrage dieses Prinzip naturgemäß auf Gesellschaft und Politik.
Für besonders provokant hält Somm einen weiteren Faktor: Viele kinderlose Frauen in der Politik lebten ihre Fürsorge kompensatorisch aus – etwa in der Asylpolitik, wo sie laut Somm stärker auf Nachsicht setzten als ihre männlichen Kollegen.
Was die Wissenschaft sagt
Politikwissenschaftler ergänzen das Bild mit strukturellen Erklärungen. Soziologe Ansgar Hudde von der Universität Köln verweist auf den noch immer bestehenden Gender Pay Gap von 16 Prozent in Deutschland: Das könne dazu führen, dass Frauen eher jene Parteien wählen, die für mehr Umverteilung eintreten. Vorwärts Hinzu kommt laut ZDF: Frauen sind heute häufiger akademisch ausgebildet als Männer – und Akademiker wählen generell seltener rechts.
Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel sagte dem Spiegel, die #MeToo-Bewegung habe Frauen in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Präferenz für linksliberale Freiheitsideen gestärkt. Linke Parteien würden die Ungleichheit der Lebenschancen für Frauen zudem gezielter bekämpfen. Handelsblatt
Nicht zuletzt spielt Repräsentation eine Rolle: Der Anteil weiblicher Bundestagsabgeordneter liegt bei den Grünen bei 59 Prozent, bei der Linken bei 57 Prozent und bei der SPD bei 43 Prozent – bei der AfD sind es weniger als 12 Prozent. Handelsblatt Wer sich in einer Partei wiederfindet, wählt sie eher.
Der Trend ist nicht unumkehrbar
Relativierend wirft Kommentatorin „yvonne52″ in der Weltwoche-Diskussion ein, die Theorie greife zu kurz: Die Linke habe Frauen schlicht früher den Weg in die Politik geebnet, während Konservative das lange verhinderten – der weibliche Überhang dort sei daher auch historisch erklärbar. Schweizer Wahlstatistiken bestätigen zudem: Global ist das Bild weniger eindeutig als angenommen. Laut Sotomo-Auswertung der Nationalratswahl 2023 wählten 37 Prozent der Schweizer Frauen SVP oder FDP – gegenüber 33 Prozent für Grüne oder SP. Bei jungen Frauen zwischen 18 und 35 Jahren war Rotgrün mit 43 Prozent zwar stärker, ab 36 Jahren kehrte sich das Verhältnis wieder um.
Wie die Friedrich-Ebert-Stiftung festhält, sind politische Prägungen im jungen Erwachsenenalter oft langfristig wirksam – weshalb der aktuelle Trend unter jungen Frauen und Männern politisch bedeutsam bleibt. Friedrich-Ebert-Stiftung
Quellen: Weltwoche, Handelsblatt, ZDF, Friedrich-Ebert-Stiftung, Universität Köln (Ansgar Hudde), Gallup / Financial Times, Sotomo
Credits: APA
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