Warum Medien die Gesellschaft spalten — und warum das kein Zufall ist

Warum Medien die Gesellschaft spalten — und warum das kein Zufall ist

Täglich sortieren Schlagzeilen die Gesellschaft in Lager. Männer gegen Frauen, Jung gegen Alt, Geimpfte gegen Ungeimpfte. Dahinter steckt kein Komplott — aber ein System, das Spaltung belohnt.

Empörung als Geschäftsmodell

Das Grundprinzip ist simpel: Empörung erzeugt Klicks, Klicks erzeugen Reichweite, Reichweite sichert das wirtschaftliche Überleben. In einem digitalen Mediensystem, das auf Verweildaten und Interaktionsraten optimiert, ist Konflikt schlicht profitabler als Ausgewogenheit. Wer Menschen täglich in Lager einteilt, darf sich über gesellschaftliche Verhärtung nicht wundern — so formuliert es die Weltwoche-Kolumnistin Tamara Wernli in einem Beitrag, in dem sie anhand konkreter Medientitel das Muster der gezielten Gruppenspaltung belegt.

Das ist keine Einzelmeinung. Laut dem Medien-Trendmonitor 2025, für den das Unternehmen news aktuell über 1.000 Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragte, leiden 44 Prozent der Medienschaffenden unter dem wachsenden Vertrauensverlust in ihre eigene Branche — und 43 Prozent unter steigendem politischem und gesellschaftlichem Druck. Die Branche weiß um das Problem, steuert aber strukturell kaum dagegen.

Was die Forschung belegt

Mehrere unabhängige Studien zeichnen ein klares Bild. Die Langzeitstudie Medienvertrauen der Universität Mainz (Erhebungswelle 2024/25) zeigt, dass die Zustimmung zur Aussage „Medien untergraben die Meinungsfreiheit in Deutschland“ einen neuen Höchstwert erreicht hat. Das Lügenpresse-Narrativ, so die Forscher, gewinne wieder Fuß — auch weil viele Bürger einen moralischen Druck durch die mediale Debatte verspürten.

Noch konkreter wird eine Studie des Zentrums Journalismus und Demokratie (JoDem) der Universität Leipzig, die 2025 nach fünfjähriger Laufzeit veröffentlicht wurde. In 61 qualitativen Interviews stellten die Forscher fest, dass Medienskepsis kein isoliertes Phänomen ist, sondern Ausdruck allgemeiner Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Verhältnissen. Medienforscher Uwe Krüger, einer der Autoren, zieht daraus eine klare Konsequenz: Konstruktivere, depolarisierende und weniger thesengetriebene Berichterstattung würde das Medienvertrauen nachweislich stärken.

Wie gespalten das Vertrauen wirklich ist

Laut dem Info-Monitor 2025 der deutschen Medienanstalten vermeidet ein Viertel der Bevölkerung Nachrichten inzwischen bewusst — oft wegen der hohen Dichte negativer Berichterstattung oder mangelnden Vertrauens in Inhalte und Absender. Die WDR/Infratest-dimap-Studie „Glaubwürdigkeit der Medien 2025″ zeigt zudem, dass das Vertrauen stark vom politischen Weltbild abhängt: Während Anhänger von Grünen, SPD oder CDU den Medien mehrheitlich vertrauen, ist die Skepsis bei AfD- oder BSW-Wählern ausgeprägt. In Ostdeutschland sagen 54 Prozent, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht zu vertrauen — gegenüber 39 Prozent im Westen.

Das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte in einer Studie für den Medienverband der freien Presse, welche Themen als gesellschaftliche Spaltungsthemen wahrgenommen werden. An der Spitze: Zuwanderung (88 Prozent), Islam (82 Prozent), AfD (81 Prozent) — allesamt Themen, bei denen große Teile der Bevölkerung das Gefühl haben, die Medien nähmen Partei.

Kein Komplott — aber ein System

Entscheidend ist: Niemand muss dieses System bewusst steuern, damit es funktioniert. Digitale Plattformen belohnen automatisch, was polarisiert. Redaktionen, die eine bestimmte Weltsicht verinnerlicht haben, reproduzieren sie ohne böse Absicht. Und alternative Medien, Podcasts und Substack-Formate wachsen als Reaktion — nicht selten ebenso einseitig, aber ehrlicher über ihre Perspektive.

Das eigentliche Problem benennt die Allensbach-Studie präzise: Wer den Medien misstraut, zweifelt häufig auch an der Demokratie. Medienvertrauen und politisches Systemvertrauen bedingen sich gegenseitig. Eine Gesellschaft, die das verliert, lässt sich nur schwer zurückgewinnen.

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