„Vierzig Geiseln lebend entführt, in Gefangenschaft getötet“: Israels Ex-Geiselbeauftragter erhebt schwere Vorwürfe

„Vierzig Geiseln lebend entführt, in Gefangenschaft getötet“: Israels Ex-Geiselbeauftragter erhebt schwere Vorwürfe

Der frühere israelische Geiselbeauftragte Nitzan Alon sagt, was viele in Israel dachten, aber kaum jemand so klar aussprach: Der Gaza-Krieg hätte ein Jahr früher enden können – und wäre dabei mehr Geiseln am Leben geblieben.

Der Auslöser: Smotritschs Selbstlob

Den Anlass für Alons öffentliche Abrechnung lieferte Finanzminister Bezalel Smotritsch. Der Chef der rechtsextremen Partei Religiöse Zionisten hatte in einem Podcast erklärt, er habe „entscheidenden Einfluss“ auf die Geiselpolitik genommen – und deshalb seien „alle Geiseln“ zurückgekehrt. Eine Aussage, die Alon nicht unwidersprochen lassen wollte.

Auf einer Konferenz der Universität Reichman in Herzliya antwortete er laut derStandard.at klar: „Es war Minister Smotritsch, der sich in verschiedenen Stadien der verhandelten Übereinkünfte quergelegt hat. Ich glaube nicht, dass er das als sein Verdienst darstellen kann.“

„Vierzig Geiseln lebend in Gefangenschaft getötet“

Alons eigentliche Botschaft ist schwerer: Die israelische Regierung habe mehrere mögliche Geisel-Deals, die zeitlich weit vor dem schließlich im vergangenen Oktober unter US-Präsident Donald Trump erreichten Abkommen angesiedelt waren, pauschal abgelehnt – „im Namen des vollständigen Sieges“, wie Alon laut derStandard.at sagt.

Das Ergebnis dieser Politik sei verheerend gewesen: „Wenn wir über die Rückkehr der Geiseln sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass ungefähr vierzig Geiseln lebend entführt und in Gefangenschaft getötet wurden“, sagte Alon. Durch Verhandlungslösungen hätten einige dieser Tode verhindert werden können. Der Krieg hätte laut Alon „mindestens ein Jahr früher“ beendet werden können – mit mehr militärischen Teilerfolgen gegen die Hamas und weniger Opfern unter den Geiseln.

Bereits 2024 gewarnt – und sabotiert

Alon ist kein Quereinsteiger: Er war nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, bei dem 1.200 Menschen getötet und 251 verschleppt wurden, als „Kommandant der Aufklärungsstelle zur Lokalisierung entführter und vermisster Personen“ tätig. Ein ehemaliger Armeegeneral mit steiler Karriere und direktem Einblick in die Verhandlungen. Bereits im Mai 2024 hatte er erklärt, es sei möglich, in mehreren Schritten alle Geiseln zurückzubringen. Jetzt stellt er klar, dass diese Versuche von der eigenen Regierung sabotiert wurden.

Das Konzept des „vollständigen Sieges“, mit dem Netanjahu die israelische Bevölkerung durch den Krieg geführt hatte, habe laut Alon der „Innenpolitik“ gedient – nicht einer echten militärischen Strategie.

Smotritschs Partei schlägt zurück

Die Reaktion aus dem Lager des Finanzministers ließ nicht lange auf sich warten. In einer Stellungnahme der Partei Religiöse Zionisten hieß es laut derStandard.at: „Während zwei Jahren Krieg hat sich Nitzan Alon für eine komplette Kapitulation vor der Hamas starkgemacht. Hätten wir diese Meinung akzeptiert, hätte die Hamas die Kontrolle der Grenze wiedergewonnen.“

Dass Hamas – trotz des Waffenstillstands – tatsächlich jene Teile Gazas, die nicht von Israels Militär besetzt sind, fest im Griff hält und laut israelischen Sicherheitsexperten seit der Waffenruhe sogar an Macht gewonnen hat, verleiht dieser Aussage eine eigentümliche Ironie. Israels Armee setzt unterdessen ihre Manöver in Gaza fort: Seit dem Abkommen im Oktober wurden laut UN rund 1.000 Menschen getötet, darunter mehr als 250 Kinder.

Neue Strategie gefordert

Alon selbst sieht den Kampf gegen die Hamas noch nicht als beendet – fordert aber einen grundlegenden Kurswechsel. Israel müsse zu „kürzeren Kriegen“ in Gaza zurückfinden, sagte er laut derStandard.at, und eine „neue Strategie“ entwickeln. Details dazu ließ er offen.

Credits: נועם קרמפף – Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162968636

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