Der aktuelle APA/OGM-Vertrauensindex vom September 2025 hat für die SPÖ zwei Gesichter. Einerseits bestätigt die Erhebung einen deutlichen Aufschwung für mehrere Spitzenpolitiker der Sozialdemokratie. Vor allem Finanzminister Markus Marterbauer wird von der Bevölkerung positiv gesehen: Er liegt mit +4 Punkten im Vertrauen klar vorne und ist damit das beliebteste Mitglied der Bundesregierung, nur übertroffen von Bundespräsident Alexander Van der Bellen (+19) und Nationalratspräsidentin Doris Bures (+18).
Auch andere SPÖ-Persönlichkeiten schneiden gut ab: Gesundheitsministerin Ulrike Königsberger-Ludwig, Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner und Sozialministerin Anna Sporrer bewegen sich alle im positiven Bereich. Damit bestätigt sich der Eindruck, dass die Partei in der Regierung angekommen ist und Vertrauen zurückgewinnt.
Doch während die Mannschaft punktet, verliert der Kapitän: SPÖ-Chef und Vizekanzler Andreas Babler. Er büßte im Vergleich zur letzten Messung erneut vier Punkte ein und liegt nun bei –23 – ein Wert, der ihn ans Ende der Skala setzt. Damit stellt sich die Frage, ob Babler trotz seiner Rolle als Vizekanzler und Parteichef wirklich die Integrationsfigur ist, die die SPÖ braucht.
Langfristige Entwicklung: Von anfänglichen Zugewinnen zum Rückfall
Ein Blick in die Daten zeigt: Bablers Werte waren schon immer problematisch. Als er im Juni 2023 zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, verzeichnete der APA/OGM-Index –14 Punkte. Damals lag er zwar besser als seine Vorgängerin Pamela Rendi-Wagner (–18), aber klar im negativen Bereich.
Im April 2025 konnte er kurzfristig zulegen: Laut OGM verbesserte er sich um zehn Punkte auf –13. Das war sein bester Wert seit Amtsantritt. Doch die Entwicklung war nicht nachhaltig. Seit dem Frühsommer geht es wieder nach unten, und mit –23 hat Babler nun seinen bisher schlechtesten Wert erreicht.
Im Vergleich zu Rendi-Wagner ist das bemerkenswert: Schon 2023 titelte Die Presse, dass Babler sogar noch schlechter dastehe als seine Vorgängerin – obwohl er eigentlich als Neuanfang für die Partei gedacht war. Zwei Jahre später scheint sich diese Einschätzung zu bestätigen.
Ursachen für das schwache Vertrauen
1. Bekanntheit ohne Vertrauensbonus
Babler ist heute unbestritten einer der bekanntesten Politiker des Landes. Er hat es geschafft, sein Profil als linker Sozialdemokrat bundesweit sichtbar zu machen. Doch hohe Bekanntheit schlägt sich nicht automatisch in Vertrauen nieder – im Gegenteil. Die Daten legen nahe, dass viele Wähler ihn zwar kennen, ihm aber skeptisch gegenüberstehen.
2. Die Rolle des Parteichefs
Als Parteichef muss Babler das gesamte Spektrum der SPÖ abdecken – von der gewerkschaftlich orientierten Basis bis zu bürgerlich geprägten Wählerschichten. Gerade in Regierungsverantwortung ist dies eine Gratwanderung. Sein klarer Fokus auf soziale Gerechtigkeit, Mindestlöhne und Vermögenssteuern überzeugt viele Kernwähler, stößt aber auch auf Ablehnung bei jenen, die wirtschaftspolitisch liberaler eingestellt sind.
3. Vergleich mit erfolgreichen Kollegen
Das kontrastreiche Bild im Vertrauensindex ist auffällig: Während Marterbauer, Bures und andere SPÖ-Minister an Vertrauen gewinnen, verliert der Parteichef. Das könnte darauf hindeuten, dass Babler nicht als vertrauensstiftender Gesamtvertreter der SPÖ wahrgenommen wird, sondern eher als Parteipolitiker mit polarisierendem Profil.
4. Der „Oppositionsmodus“ in Regierungsverantwortung
Politikbeobachter haben Babler seit jeher nachgesagt, er sei ein „Mann des Widerstands“, der sich im Oppositionsmodus wohlfühlt. Als Bürgermeister von Traiskirchen hatte er dieses Image kultiviert. In der Rolle als Vizekanzler allerdings wird genau das zum Problem: Von einem Regierungschef erwartet die Bevölkerung nicht nur Kritik am System, sondern auch verbindliche Lösungen.
Folgen für die SPÖ-Führung
Die Vertrauenswerte stellen die SPÖ vor eine zentrale Herausforderung: Kann Andreas Babler die Partei wirklich in die nächste Nationalratswahl führen – oder wird sein Profil zunehmend zur Belastung?
1. Vorteile, die längst verblassen
Babler wird zugutegehalten, dass er die Partei nach Jahren innerer Konflikte geeint hat und mit klaren Positionen auftritt, etwa in der Sozialpolitik. Doch diese Stärken treten angesichts sinkender Vertrauenswerte in den Hintergrund. Während andere SPÖ-Politiker stabiler wahrgenommen werden, wirkt Babler in der Öffentlichkeit häufig eher wie ein Oppositionsvertreter als wie ein Vizekanzler.
2. Asyl- und Migrationspolitik – ein zweischneidiges Schwert
Der von Babler präsentierte SPÖ-Masterplan zu Asyl, Migration und Integration enthält sowohl humanitäre als auch restriktive Elemente. Dazu zählen schnellere Verfahren an den EU-Außengrenzen, eine faire EU-Verteilung von Schutzsuchenden, verpflichtende Integrationsjahre mit Deutsch- und Wertekursen, aber auch Abschiebungen bei Straftaten sowie 4.000 zusätzliche Polizisten zur Durchsetzung dieser Maßnahmen (SPÖ, 22.6.2024; orf.at).
In der politischen Praxis aber wirkt dieser Mix auf viele Wähler widersprüchlich: zu weich für jene, die harte Sicherheitsmaßnahmen fordern, und zu restriktiv für linke Stammwähler.
3. Kritik aus erster Hand: Franz Schabhüttl
Besonders scharf äußerte sich Franz Schabhüttl, ehemaliger Leiter des Asylzentrums Traiskirchen. Im Kurier erklärte er, er „wünsche ihn niemandem als Weggefährten“ und warf Babler in der Asyldebatte „Heuchelei“ und „unehrliche Selbstlosigkeit“ vor. Zudem habe Babler „es einfach nicht kapiert“ – etwa in der Dublin-Frage – und „keine Gelegenheit ausgelassen, um sich öffentlich in Szene zu setzen“ (Kurier, 29.8.2024).
Diese Wortmeldungen stammen von einem Mann, der jahrelang für das größte Asylzentrum Österreichs verantwortlich war. Dass er Babler derart offen kritisiert, wiegt schwer – und zeigt, dass Zweifel an dessen Kompetenz in Migrationsfragen nicht nur von politischen Gegnern, sondern auch von Praktikern kommen.
4. Wirkung auf die SPÖ-Spitze
Gerade mit Blick auf 2026, wenn Neuwahlen möglich sind, stellt Babler ein Risiko dar: Sein Vertrauenswert sinkt, andere SPÖ-Politiker wirken glaubwürdiger, und in zentralen Themen wie Sicherheit und Migration überzeugt er die Bevölkerung nicht. Spitzenkandidaten müssen Vertrauen und Führungsstärke verkörpern – beides ist bei Babler derzeit fraglich.
Credits: APA
Neueste Kommentare