Ungarns Wahl im Geheimdienstwirbel: Spionagevorwürfe, Vance-Besuch und ein offenes Rennen

Ungarns Wahl im Geheimdienstwirbel: Spionagevorwürfe, Vance-Besuch und ein offenes Rennen

Drei Wochen vor der Parlamentswahl in Ungarn am 12. April überschlagen sich die Ereignisse. Spionagevorwürfe, Abhörskandale, internationale Einmischung von beiden Seiten — und ein Rennen, das so offen ist wie seit Jahrzehnten nicht.

Orbán in Umfragen unter Druck

Laut unabhängigen Erhebungen liegt die bürgerliche Oppositionspartei Tisza von Péter Magyar in den Umfragen vor Orbáns Fidesz-KDNP-Koalition. Wie politpro.eu auf Basis aggregierter Umfragedaten zeigt, kommt Tisza derzeit auf rund 45,6 Prozent, Fidesz/KDNP auf etwa 41,6 Prozent. Das Wahlsystem bevorzugt die stärkste Kraft, eine Zweidrittelmehrheit für die Tisza gilt laut Pester Lloyd aber als unwahrscheinlich.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Instituten sind dabei extrem: Wie die Wikipedia-Dokumentation zur Wahl festhält, bezeichnete die regierungsnahe Souveränitätsbehörde mehrere unabhängige Meinungsforschungsinstitute als „missbrauchend“ und deren Ergebnisse als Fälschungen — ein in der ungarischen Wahlgeschichte neues Phänomen.

Der Washington-Post-Bericht und seine Folgen

Den Auslöser für die jüngste Eskalation lieferte die Washington Post: Das US-Blatt berichtete am Wochenende unter Berufung auf EU-Sicherheitskreise, wie ORF.at und sn.at zusammenfassen, dass Außenminister Péter Szijjártó in den Pausen von EU-Außenministertreffen „regelmäßig“ mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow telefoniert und diesen live über die Gesprächsinhalte informiert habe. Szijjártó bezeichnete das auf X als „Fake News“, bestritt jedoch grundsätzlich nicht, regelmäßig auch mit russischen Vertretern zu kommunizieren.

Die EU-Kommission forderte laut vienna.at von Budapest „Erklärungen“ und bezeichnete die Berichte als „besorgniserregend.“ Polens Premier Donald Tusk schrieb auf X: „Dass Orbáns Leute Moskau bis ins kleinste Detail über die EU-Gipfeltreffen informieren, dürfte niemanden überraschen. Wir hatten diesen Verdacht schon lange.“ Das sei auch der Grund, warum er auf EU-Gipfeln nur das Nötigste sage. Oppositionsführer Magyar sprach von „Hochverrat.“

Die Washington Post berichtete zudem, der russische Auslandsgeheimdienst SVR habe einen fingierten Anschlag auf Orbán erwogen, um die Wahl emotional aufzuladen und von wirtschaftlichen Problemen abzulenken, wie Wikipedia festhält. Belege für die Umsetzung dieses Plans liegen nicht vor.

Gegenangriff: „Ukrainische Geheimdienstoperation“

Die Regierung schlug zurück. Das regierungsnahe Portal Mandiner veröffentlichte eine Tonaufnahme des Investigativjournalisten Szabolcs Panyi, in der dieser einer Kontaktperson mitteilt, zwei Telefonnummern Szijjártós an „eine staatliche Stelle eines EU-Landes“ weitergegeben zu haben. Wie ORF.at berichtet, ordnete Orbán eine sofortige Untersuchung wegen mutmaßlichen Abhörens an. Regierungsvertreter sprachen von einer „ukrainischen Geheimdienstoperation.“

Panyi bestätigte das Gespräch auf Facebook, erklärte aber, er habe die Nummern lediglich mit Geheimdienstinformationen abgeglichen, um einen Artikel über Szijjártós Kontakte zu Russland zu recherchieren — und nicht, um an einer Überwachungsoperation mitzuwirken. Er veröffentlichte zudem ein Transkript eines angeblich abgehörten Telefonats zwischen Szijjártó und Lawrow aus dem Jahr 2020.

Internationaler Rückhalt für Orbán wächst

Parallel dazu sammelte Orbán internationale Unterstützung: Bei der konservativen CPAC-Konferenz in Budapest traten laut t-online.de Marine Le Pen, Geert Wilders, Matteo Salvini, Alice Weidel und FPÖ-Chef Herbert Kickl auf. US-Präsident Trump sprach eine explizite Wahlempfehlung für Orbán aus. Und: US-Vizepräsident JD Vance soll Anfang April — also unmittelbar vor dem Wahltermin — nach Budapest reisen, um Orbán in der Endphase des Wahlkampfs zu unterstützen, wie ORF.at und t-online.de berichten.

Ein Wahlkampf mit europäischer Reichweite

Ungarn blockiert derzeit laut wikipedia.de den bereits einstimmig beschlossenen 90-Milliarden-Euro-Kredit der EU an die Ukraine — und macht damit seine Außenpolitik zum zentralen Wahlkampfthema. Der Ausgang am 12. April wird weit über Budapest hinaus Wirkung haben: als Stimmungstest für die europäische Rechte, als Signalwert für die transatlantische Allianz und als Indikator dafür, wie weit der Einfluss Russlands in EU-Institutionen reicht.


Quellen:

  • exxpress.at: Ungarn-Wahl eskaliert: Brüssel & Kiew gegen Orban — Trump hilft
  • ORF.at (news.orf.at): Aus Brüssel nach Moskau: EU besorgt über Ungarns Russland-Kontakte
  • vienna.at: EU-Kontroverse: Ungarns Russland-Beziehungen im Fokus
  • sn.at: EU-Kontroverse um Russland-Beziehungen Ungarns
  • t-online.de: Orbán: Unterstützung von Weidel, Trump, Vance und Milei vor Ungarn-Wahl
  • taz.de: Spion in der vordersten Reihe: Tusk wirft Ungarn Weitergabe von EU-Infos an Moskau vor
  • politpro.eu: Wahlumfragen Ungarn — Sonntagsfrage & Wahltrend 2026
  • Wikipedia (de): Parlamentswahl in Ungarn 2026
  • Pester Lloyd: Ungarn Wahl 2026 — Liveticker

Credits: APA

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