„Trump strebt eine Diktatur an“ – Weltbekannter Demokratieforscher in der ZIB2

„Trump strebt eine Diktatur an“ – Weltbekannter Demokratieforscher in der ZIB2

Der schwedische Politikwissenschaftler Staffan Lindberg hat in der ZIB2 klare Worte gefunden. Sein Urteil über die USA ist historisch einmalig – und alarmierend.

Der Mann, dem Demokratien vertrauen

Staffan Lindberg ist kein Politiker und kein Kommentator. Er ist der Gründer und Direktor des V-Dem-Instituts an der Universität Göteborg – und damit der Leiter jener Forschungseinrichtung, die weltweit als verlässlichste Quelle für die Messung demokratischer Gesundheit gilt. Mehr als 4.000 Experten weltweit arbeiten mit dem Institut zusammen, das Daten aus über 200 Ländern anhand von rund 600 Parametern auswertet. Am Dienstag, dem 17. März 2026, trat Lindberg in der ORF-Sendung ZIB2 auf – und ließ an seinem Befund keinen Zweifel.

Die USA sind keine liberale Demokratie mehr

Das Kernstück des neuen V-Dem-Jahresberichts 2026 ist so eindeutig wie erschütternd: Die Vereinigten Staaten gelten erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr als liberale Demokratie. Laut dem Bericht ist das demokratische Niveau der USA auf den Stand von 1965 zurückgefallen Slate – jenem Jahr, in dem der Voting Rights Act verabschiedet wurde und das viele Wissenschaftler als den Moment betrachten, ab dem die USA überhaupt erst als vollwertige Demokratie galten.

Wie der Guardian berichtet, stützt sich Lindbergs Urteil auf Daten, die bis ins Jahr 1789 zurückreichen: Was derzeit in den USA zu beobachten sei, stelle den gravierendsten demokratischen Rückschritt in der Geschichte des Landes dar. Common Dreams

Schneller als Orbán, Erdoğan und Modi zusammen

Was Lindberg besonders beunruhigt, ist nicht nur das Ausmaß des Niedergangs, sondern vor allem das Tempo. Für Orbán in Ungarn habe es rund vier Jahre gedauert, für Vučić in Serbien acht Jahre und für Erdoğan in der Türkei sowie Modi in Indien jeweils rund zehn Jahre, um demokratische Institutionen in dem Maß zu untergraben, wie es Trump in nur einem Jahr gelungen sei. Common Dreams

Der zentrale Mechanismus dabei ist, wie SRF berichtet, eine rasche und aggressive Machtkonzentration in der Exekutive: Der Kongress sei faktisch ausgeschaltet, Trump regiere per Dekret, bürgerliche Rechte seien auf den Stand der späten 1960er Jahre zurückgefallen, und die Meinungsfreiheit befinde sich auf dem niedrigsten Niveau seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. SRF

„Es sollte inzwischen offensichtlich sein“

Gegenüber internationalen Medien und in der ZIB2 formulierte Lindberg sein Urteil in ungewöhnlich direkter Sprache: Trump strebe offensichtlich eine Diktatur an. Alternet Die bisherigen Schritte – das Entfernen von Kontrollinspektoren, die Besetzung staatlicher Stellen mit loyalen Gefolgsleuten, der Angriff auf Gerichte und Medien – seien genau jene Methoden, die auch Orbán und Erdoğan in ihren frühen Autokratisierungsphasen angewendet hätten.

Gegenüber dem kanadischen Sender CBC verschärfte Lindberg seine Einschätzung noch: Wenn es so weitergehe, werde die Demokratie in den USA keine weiteren sechs Monate halten. Watson

Ein globaler Trend mit Washingtoner Antrieb

Das Problem beschränkt sich nicht auf die USA. Derzeit lebt ein Rekordwert von 41 Prozent der Weltbevölkerung – das sind 3,4 Milliarden Menschen – in Ländern, in denen demokratische Institutionen erodieren. Washington treibe diese globale Abwendung von der Demokratie maßgeblich voran. Alternet

Wie SRF berichtet, sind 2025 fünf europäische Länder neu in die Kategorie der sich autokratisierenden Staaten eingestuft worden: Italien, Großbritannien, Kroatien, Slowenien und die Slowakei. SRF

Midterms als letzte Chance?

Einen schwachen Hoffnungsschimmer sieht Lindberg im Herbst 2026. Die US-amerikanischen Midterm-Wahlen könnten ein Wendepunkt sein – aber nur, wenn sie frei und fair ablaufen. Es gebe große Bedenken, ob die Wahlen 2026 tatsächlich frei und fair sein werden. SRF Sollte Trump eine Niederlage der Republikaner bei diesen Wahlen nicht anerkennen, wäre das laut Lindberg der Punkt des vollständigen demokratischen Zusammenbruchs.

Was laut V-Dem bislang in zehn Ländern den demokratischen Rückschritt gestoppt hat, sei vor allem eines: anhaltende Massenmobilisierung – viele Menschen, die dauerhaft und regelmäßig auf die Straße gehen. Slate


Quellen:

Credits: APA

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