Stocker rudert zurück: „Mein Satz war falsch“

Stocker rudert zurück: „Mein Satz war falsch“

Ein Tag, zwei völlig unterschiedliche Botschaften: Nachdem Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) mit seiner Aussage, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hatte, ruderte er nur wenige Stunden später vollständig zurück – mit einer ungewöhnlich offenen Entschuldigung.

Der Satz, der alles auslöste

Bei einer Bürgerveranstaltung im Salzburger Hotel Imlauer Pitter am Donnerstag hatte eine Teilnehmerin Stocker auf mehr finanzielle Unterstützung für Mütter angesprochen und dabei vorgerechnet, dass Frauen in Österreich wöchentlich rund 96 Stunden unbezahlte Kinderbetreuung leisten – „ohne Sonntagszuschlag, ohne Wochenende, ohne bezahlten Urlaub“, wie sie laut salzburg.ORF.at betonte. Stockers Antwort sorgte für sofortigen Unmut im Saal: „Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit. Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen. Ich habe meine Kinder nicht als Rechenbeispiele erzogen“, zitiert ihn oe24. Im Publikum hagelte es Buhrufe, sogar Moderatorin Arabella Kiesbauer widersprach dem Kanzler auf offener Bühne.

Scharfe Reaktionen aus Opposition und Koalition

Die Aussage blieb nicht ohne politische Folgen. FPÖ-Chef Herbert Kickl sprach laut BVZ.at von einer „Verhöhnung der Mütter“, die freiheitliche Nationalratsabgeordnete zog zudem einen Vergleich zum berühmten McDonald’s-Sager des früheren ÖVP-Kanzlers Karl Nehammer aus dem Jahr 2023. Auch Grünen-Bundessprecherin Leonore Gewessler reagierte entrüstet und erklärte auf der Plattform Bluesky, Mütter verdienten keine Verhöhnung, sondern eine Entschuldigung. Selbst aus der eigenen Koalition kam Kritik: Ein Sprecher der SPÖ erklärte laut GMX.at, wer so spreche, blende die Lebensrealität vieler Frauen aus – Kinderbetreuung sei keine Nebensache. Auch ÖVP-intern regte sich Widerspruch: Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler konterte öffentlich, sie wisse, wie sehr Frauen gefordert seien, wie oe24 berichtet.

Ein erster Erklärungsversuch reichte nicht

Zunächst hatte Stockers Büro versucht, die Wogen zu glätten. Ein Sprecher stellte gegenüber „Der Standard“ klar, der Kanzler habe keinesfalls infrage stellen wollen, dass Kinderbetreuung „extrem viel Arbeit“ sei – gerade Frauen, die den Großteil der Kindererziehung übernehmen, würden Großartiges leisten. Diese nachträgliche Klarstellung durch einen Sprecher genügte offenbar nicht, um die Debatte zu beruhigen.

Die vollständige Entschuldigung im Wortlaut

Am Freitagvormittag folgte deshalb eine persönliche, ausführliche Stellungnahme Stockers selbst. „Ein Satz von mir sorgt gerade für Diskussionen. Zu Recht, denn er ist falsch. Bei all jenen, die sich durch meine Aussage verletzt, beleidigt oder nicht wertgeschätzt fühlen, entschuldige ich mich in aller Deutlichkeit“, schreibt der Kanzler laut der von oe24 veröffentlichten Aussendung. Weiter heißt es darin: „Kinderbetreuung ist Arbeit. Gerade Frauen, die in den allermeisten Familien immer noch den Großteil der Kindererziehung übernehmen, leisten damit Großartiges.“

Persönliche Einblicke als Erklärung

Stocker versuchte in seiner Erklärung zudem, seine ursprüngliche Aussage inhaltlich einzuordnen, ohne sie zu wiederholen. Familie sei kein Unternehmen und kein Job, „wo man nach getaner Arbeit das Büro verlässt“. Der Lohn dafür sei „nicht in Geld zu messen, sondern in Vertrauen, Zusammenhalt und in unzähligen gemeinsamen Momenten“. Er berichtete von eigenen Erfahrungen: Er und seine Frau hätten ihre zwei Kinder gemeinsam großgezogen und seien dabei beide berufstätig gewesen. Er wisse, „wie sehr einen diese Aufgabe fordert“ – vom nächtlichen Herumtragen kranker Kinder bis zur Freude über deren erste Schritte. „Familie ist nun mal kein Business Case. Nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt und gemeint“, so Stocker. Abschließend richtete er Dank an „Mütter, Väter, Großeltern“, die bei der Kinderbetreuung „einen unermesslichen Beitrag für unsere Gesellschaft und die Zukunft unseres Landes“ leisteten.

Auch beim Wohnthema geriet Stocker in Erklärungsnot

Nicht die einzige heikle Passage des Abends: Auf die Frage, was er einem 25-Jährigen sage, der in Salzburg keinen leistbaren Wohnraum finde, verwies der Kanzler auf das Umland und erzählte von eigenen Verwandten, die dort günstig wohnten – konnte auf Nachfrage aber nicht sagen, wo genau sich diese Wohnungen befinden, wie oe24 bereits am Vortag berichtet hatte.

Ein Rückzieher mit Signalwirkung

Dass ein amtierender Bundeskanzler eine eigene Aussage binnen weniger Stunden derart ausführlich und persönlich zurücknimmt, ist bemerkenswert. Ob die Entschuldigung die Debatte tatsächlich beendet oder das Thema Anerkennung von Care-Arbeit politisch weiter befeuert, dürfte sich in den kommenden Tagen zeigen.

Credits: BKA

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