Bayerns Ministerpräsident fordert von deutschen Arbeitnehmern eine Stunde mehr Arbeit pro Woche. Dazu kommen Karenztag und Rentenkürzungen. Die SPD reagiert mit scharfer Kritik.
CSU-Chef Markus Söder hat eine neue Debatte über Arbeitszeit und Sozialleistungen losgetreten. In der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ am Sonntag legte er einen Forderungskatalog vor, der es in sich hat. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.
Eine Stunde mehr für die Wirtschaft
„Eine Stunde Mehrarbeit in der Woche würde uns enorm viel Wirtschaftswachstum bringen und ist wirklich nicht zu viel verlangt“, sagte Söder im ARD-Interview. Der bayerische Ministerpräsident sieht in längeren Arbeitszeiten einen Schlüssel zur Ankurbelung der deutschen Wirtschaft.
Wie die Bayerische Staatszeitung berichtet, fordert Söder die Umsetzung dieser Reformen „so schnell wie möglich“ – und das trotz der anstehenden Landtagswahlen. Auf keinen Fall dürften die Maßnahmen wegen des Wahlkalenders verschoben werden.
Karenztag und Ende der Telefon-Krankschreibung
Doch Söder geht noch weiter. Er unterstützt die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Zusätzlich plädiert er für die Einführung eines sogenannten Karenztags.
Das würde konkret bedeuten: Arbeitnehmer erhalten am ersten Krankheitstag keinen Lohn. „An Brückentagen ist Deutschland immer etwas kranker als wann anders“, begründete Söder seinen Vorstoß. Der Verdacht: Viele Krankschreibungen seien nicht echt, sondern eine Möglichkeit, sich ein langes Wochenende zu verschaffen.
Rente mit 63 im Visier
Als drittes Element seines Reformpakets fordert der CSU-Chef den schrittweisen Abbau der Rente mit 63. Diese ermöglicht besonders langjährig Versicherten einen früheren, abschlagsfreien Ruhestand. Aus Söders Sicht ein Luxus, den sich Deutschland wirtschaftlich nicht mehr leisten kann.
SPD: „Geht an der Lebensrealität vorbei“
Die Sozialdemokraten reagierten prompt und deutlich. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig wies Söders Vorschläge in derselben ARD-Sendung zurück. Wie t-online berichtet, erklärte sie: „Ich teile überhaupt nicht, dass die Deutschen zu wenig arbeiten.“
Die von der Union ausgelöste Diskussion gehe „total an der Lebensrealität und Arbeitsrealität vieler Menschen vorbei“, so Schwesig. Das eigentliche Problem liege woanders: „Das Problem der hohen Arbeitslosigkeit ist nicht, dass die Menschen zu wenig arbeiten, sondern dass gerade ganz viele Stellen abgebaut werden.“
Damit warf die SPD-Politikerin den Ball an Bundeskanzler Merz zurück: „Da muss der Kanzler ran.“
Die Frage der Zuständigkeit
Auch die SPD-Sozialpolitikerin Annika Klose meldete sich zu Wort. Im RTL/ntv-„Frühstart“ betonte sie, dass deutsche Arbeitnehmer bereits jetzt sehr viel leisteten. Die wenigsten scheuten sich, „auch mal eine Stunde mehr zu arbeiten“.
Klose verwies auf einen entscheidenden Punkt: Die Festlegung von Arbeitszeiten sei Sache der Tarifpartner, nicht des Gesetzgebers. Damit zog sie die Legitimität staatlicher Eingriffe in die Arbeitszeitfrage grundsätzlich in Zweifel.
Energiekosten statt Arbeitszeit
Schwesig sieht das Kernproblem der deutschen Wirtschaft ohnehin an anderer Stelle. Wie die Epoch Times berichtet, forderte sie in „Bericht aus Berlin“: „Wir produzieren längst den grünen Strom zu nur ein paar Cent, aber durch staatliche Belastungen wird er zu teuer weitergegeben.“
Die hohen Energiekosten seien „ein essenzielles Problem“ für die Wirtschaft. Hier müsse die Bundesregierung ansetzen, nicht bei der Arbeitszeit.
Söders Steuerpläne
Der bayerische Ministerpräsident konterte mit eigenen wirtschaftspolitischen Vorschlägen. Er fordert umfassende Steuersenkungen: für Unternehmen, für Einkommen und bei der Stromsteuer für Betriebe und Privathaushalte.
„Nur mit einem großen Steuersenkungspaket können wir die Wirtschaft ankurbeln und Leistung wieder hoffähig und stark machen“, so Söder. Damit positionierte er sich klar gegen Sozialkürzungen als primären Weg zur Kostensenkung.
Die Realität am Arbeitsmarkt
Die Zahlen geben der SPD-Kritik teilweise recht. Wie Epoch Times unter Berufung auf die Bundesagentur für Arbeit berichtet, stieg die Arbeitslosenquote im Januar 2026 von 6,2 auf 6,6 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen erhöhte sich um 177.000 auf 3.085.000 – und das trotz leichten Wirtschaftswachstums im letzten Quartal 2025.
Das deutet darauf hin, dass nicht Arbeitsverweigerung das Problem ist, sondern tatsächlich fehlende Arbeitsplätze.
Reaktionen in sozialen Medien
In den sozialen Netzwerken stieß Söders Vorstoß auf überwiegend negative Resonanz. Wie news.de berichtet, löste besonders die Forderung nach Mehrarbeit Kopfschütteln aus. Einige Nutzer verwiesen auf Berichte, wonach Söder selbst nur selten an Bundesratssitzungen teilnahm.
Die Kritik: Wer selbst wenig Präsenz zeigt, sollte anderen keine Mehrarbeit predigen.
Politisches Kalkül
Söder drängt auf schnelle Umsetzung seiner Vorschläge – trotz anstehender Landtagswahlen. Das ist bemerkenswert. Normalerweise vermeiden Politiker kurz vor Wahlen unpopuläre Forderungen.
Die Strategie könnte sein: Sich als Wirtschafts-Hardliner positionieren, der unpopuläre Wahrheiten ausspricht. Ob das bei den Wählern verfängt, bleibt abzuwarten.
Der tiefere Konflikt
Hinter der Debatte um Arbeitszeit steht ein grundsätzlicher Konflikt. Die Union setzt auf Leistung, Eigenverantwortung und Arbeit als Weg aus der Wirtschaftskrise. Die SPD betont strukturelle Probleme, fehlende Rahmenbedingungen und die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung.
Manuela Schwesig hatte bereits zuvor in einem Interview mit dem „Stern“ kritisiert: „Die CDU ist nicht klug beraten, wenn sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiten.“ Es gebe ganz unterschiedliche Gründe, warum Menschen in Teilzeit arbeiteten.
Credits: APA
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