Der ukrainische Präsident legt in einem Interview mit kühnen Behauptungen nach und setzt Lukaschenko ein Ultimatum. Beides verdient nüchterne Einordnung.
Die Behauptung und ihre Grundlage
Im Interview mit dem ukrainischen Nachrichtenportal Hromadske bezeichnete Präsident Wolodymyr Selenskyj die ukrainischen Streitkräfte als faktisch „zweitstärkste Armee der NATO“, wie SN.at und VOL.AT unter Berufung auf die Agentur APA berichten. „Und daher braucht uns die NATO auch de jure“, sagte der 48-Jährige. Das sei eine Tatsache, die von allen Staatsführern anerkannt werde. Das ukrainische Militär stehe bei der Verteidigung gegen die russische Invasion der als zweitstärksten Armee der Welt geltenden russischen Streitkräfte in nichts nach, fügte er an.
Zur Einordnung: Die Ukraine ist kein NATO-Mitglied – und genau das macht die Behauptung rhetorisch interessant, aber auch überprüfungsbedürftig. Die stärkste NATO-Armee sind unbestritten die USA. Als zweistärkste konventionelle NATO-Armee gilt traditionell die Türkei mit dem nach amerikanischen Standards zweitgrößten Truppenkontingent im Bündnis. Selenskyjs Aussage ist also keine militäranalytische Einschätzung, sondern ein politisches Argument: Die Ukraine hat durch mehr als vier Jahre Kampferfahrung gegen eine Atommacht gezeigt, was ihre Armee leisten kann – diesen Kampfwert will er in einen diplomatischen Hebel umwandeln. Ein Beleg dafür, dass „alle Staatsführer“ das tatsächlich so sehen, fehlt im Interview.
NATO-Beitritt: Traum oder realpolitische Tatsache?
Der ukrainische Wunsch nach NATO-Mitgliedschaft liegt seit den US-Vermittlungsversuchen de facto auf Eis, wie SN.at festhält. Russland hat den Stopp einer ukrainischen NATO-Perspektive zu einem erklärten Kriegsziel gemacht. Selenskyj weiß das – sein Interview ist daher weniger Analyse als Lobbyarbeit: Je stärker er die Ukraine als unverzichtbares Sicherheitsasset des Westens rahmt, desto schwieriger wird es für NATO-Staaten, sie außen vor zu lassen. Ob das in der aktuellen geopolitischen Lage zieht, in der selbst das Rahmenabkommen mit dem Iran die Prioritäten verschiebt, ist eine andere Frage.
Selenskyj setzt Lukaschenko Ultimatum
Parallel dazu wurde Selenskyj auf einer Pressekonferenz in Kiew konkret gegenüber Belarus. Er forderte Machthaber Alexander Lukaschenko auf, russische Signalrelaisstationen in zwei belarussischen Grenzregionen zur Ukraine binnen einer Woche zu entfernen, wie SN.at und der Tagesspiegel berichten. Diese Stationen würden von russischen Truppen zur Steuerung von Angriffen auf ukrainische Zivilisten genutzt. „Wenn er es nicht tut, werden wir es tun“, sagte Selenskyj, ohne Details zu nennen. Bemerkenswert ist dabei der Kontext: Lukaschenko hatte erst wenige Tage zuvor gegenüber dem Sender Al Arabiya versöhnliche Töne gegenüber der Ukraine angeschlagen und sich sogar für frühere harte Aussagen über Selenskyj entschuldigt.
Selenskyj behauptete außerdem, Putin werde bis zu seinem Tod im Kreml sitzen mit dem Ziel, die 1991 untergegangene Sowjetunion wiederherzustellen. „Ohne die Ukraine ist das unmöglich“, sagte er.
EINORDNUNG DER REDAKTION
Selenskyjs Aussagen folgen einer erkennbaren Eigenlogik: Mit NATO-Beitritt auf Eis und Friedensverhandlungen im Gange muss er öffentlich Stärke demonstrieren, um nicht als schwacher Verhandlungspartner dazustehen. Die Behauptung, faktisch die „zweitstärkste NATO-Armee“ zu führen, ist dabei weniger eine militärische Analyse als ein PR-Manöver – geschickt, aber nicht neutral zu nehmen. Das gilt auch für das Lukaschenko-Ultimatum: Es ist mutig formuliert, aber militärisch riskant, weil jede ukrainische Aktion auf belarussischem Territorium eine neue Eskalationsspirale auslösen könnte – genau das, was die Ukraine sich angesichts des fragilen Waffenstillstands mit Russland derzeit kaum leisten kann. Selenskyj ist ein talentierter Kommunikator in eigener Sache. Das macht seine Aussagen nicht falsch – aber es erklärt, warum sie stets mit Vorsicht gelesen werden sollten.
Credits: BKA / Christopher Dunker
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