Eine große Ankündigung auf Telegram, derweil Raketen auf die Hauptstadt fallen: Selenskyj will Russland mit einer neuen Geheimdienstoffensive zum Frieden zwingen. Der Plan klingt entschlossen – wirft aber Fragen auf.
Was Selenskyj ankündigte
Wie oe24, SN.at und Tagesspiegel unter Berufung auf Selenskyjs Telegram-Post und dpa berichten, hat der ukrainische Präsident nach einem Treffen mit dem Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU, Jewheni Chmara, eine 40-tägige Offensive gegen russische Ziele gebilligt. „Ziel der Operation sei es, Druck auf den Aggressor auszuüben, um ein Ende des Krieges zu erzwingen“, schrieb Selenskyj laut dpa-AFX. Details zur konkreten Natur der Operation nannte er nicht – es handelt sich nach seiner eigenen Einordnung um eine Geheimdienstoperation, keine klassische Militäroffensive.
Parallelgeschehen: Kiew wird beschossen
Die Ankündigung fiel in ein bezeichnendes zeitliches Umfeld: Noch am selben Abend schlugen laut SN.at und news.at russische Raketen in Kiew ein. Bürgermeister Vitali Klitschko meldete mindestens zwei Verletzte und Brände im Stadtbezirk Darnyzkyj. Der Zeitpunkt war laut Tagesspiegel ungewöhnlich – Russland greift die Ukraine normalerweise nachts an. Raketen und Drohnen treffen ukrainische Städte seit dem Februar 2022 nahezu täglich.
Was die „Offensive“ konkret bedeutet
Inhaltlich fügt sich die Ankündigung in eine seit Monaten verfolgte Strategie ein. Selenskyj bezeichnet Drohnenangriffe auf russische Öl- und Militärinfrastruktur selbst als „Langstrecken-Sanktionen“, wie t-online unter Berufung auf frühere Aussagen des Präsidenten berichtet. Die Ukraine griff in den vergangenen Wochen Raffinerien in Moskau und Krasnodar, Tanklager auf der Krim und Ölanlagen tief im russischen Hinterland an – in Ufa, rund 1.500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, wie Handelsblatt und Tagesspiegel berichten. Russlands Erdölproduktion sei im Mai laut offiziellen russischen Daten im Jahresvergleich um 13,5 Prozent gesunken.
EINORDNUNG DER REDAKTION
Selenskyjs Ankündigung ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert – und nicht nur positiv. Erstens: Eine „Geheimoperation“ öffentlich auf Telegram anzukündigen ist ein Widerspruch in sich. Was Selenskyj verkündet, ist keine operative Geheimhaltung, sondern Kommunikationsstrategie: Er signalisiert westlichen Partnern Entschlossenheit und der eigenen Bevölkerung Handlungsfähigkeit. Zweitens: Der Zeithorizont von 40 Tagen ist militärisch ungewöhnlich. Geheimdienst-Operationen laufen nicht nach Kalender. Die Zahl klingt nach politischer Inszenierung mehr als nach taktischer Planung. Drittens: Die Ankündigung kommt ausgerechnet dann, wenn Kiew wieder unter Beschuss liegt. Das zeigt die strukturelle Schwäche der ukrainischen Position: Während Kiew im russischen Hinterland Öldepots trifft, treffen russische Raketen weiterhin ukrainische Städte. Ob 40 Tage Drohnendruck auf russische Infrastruktur Moskau tatsächlich zu ernsthaften Verhandlungen bewegen – oder ob Russland schlicht mit mehr Raketen auf Kiew antwortet – ist eine offene Frage, die Selenskyjs Telegram-Post bewusst offen lässt.
Credits: BKA Christopher Dunker
Neueste Kommentare