Kiew/Budapest, 17. März 2026. Der Konflikt zwischen der Ukraine und Ungarn hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Auslöser ist ein tief verzweigter Streit über Energie, EU-Hilfsgelder und – mittendrin – eine Aussage Selenskyjs, die in Budapest für Empörung sorgte.
Was Selenskyj sagte – und was er meinte
Wie der Tagesspiegel berichtet, erklärte Selenskyj nach einer Regierungssitzung in Kiew: „Wir hoffen, dass eine Person in der Europäischen Union die 90 Milliarden Euro nicht blockieren wird und die ukrainischen Kämpfer Waffen bekommen, andernfalls geben wir die Adresse dieser Person unseren Jungs weiter, auf dass sie ihn anrufen und mit ihm in ihrer Sprache reden.“
Die Aussage wurde allgemein als Spitze gegen den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán gewertet, auch wenn Selenskyj seinen Namen nicht nannte. Orbáns Sprecher Zoltan Kovacs ließ laut Tagesspiegel umgehend über X ausrichten: Selenskyjs „Drohungen und Erpressungen“ gingen „weit über jedes akzeptable Limit hinaus“. Ungarn lasse sich nicht einschüchtern. Auch die EU-Kommission reagierte: Wie das ZDF berichtet, erklärte ein Kommissionssprecher in Brüssel, eine solche Wortwahl sei „inakzeptabel“ – es dürfe keine Drohungen gegen EU-Mitgliedstaaten geben.
Politikwissenschaftler Florian Bieber von der Universität Graz wertete Selenskyjs Aussage laut ZDF als „ungeschickt, aber verständlich“ angesichts der Lage: Ohne die EU-Gelder sei die Ukraine faktisch zahlungsunfähig, während der wichtigste Munitionslieferant, die USA, gerade mit dem Iran-Krieg beschäftigt sei.
Der Kern des Streits: Die Druschba-Pipeline
Der eigentliche Konfliktstoff liegt tiefer. Wie Euronews berichtet, ist seit Ende Januar 2026 der Öltransit durch den südlichen Strang der Druschba-Pipeline unterbrochen – jener Leitung, über die Ungarn und die Slowakei preisgünstiges russisches Öl beziehen. Die Ukraine macht russische Angriffe für die Beschädigung verantwortlich. Ungarn und die Slowakei werfen Kiew hingegen vor, die Reparaturen absichtlich zu verzögern, um politischen Druck auszuüben.
Als Reaktion blockiert Budapest laut Euronews ein EU-Kreditpaket von 90 Milliarden Euro für die Ukraine, solange kein Öl mehr durch die Pipeline fließt. Selenskyj hatte eine mögliche Reparatur in eineinhalb bis zwei Monaten in Aussicht gestellt – aber nur unter der Bedingung, dass die EU-Hilfen freigegeben werden. Ungarn sandte sogar ein Inspektionsteam nach Kiew, das jedoch laut Euronews keinen Zugang zur Pipeline erhielt.
Orbán nutzt den Streit für den Wahlkampf
Die Eskalation fällt in eine politisch heikle Phase. Am 12. April wählt Ungarn ein neues Parlament – und Orbán liegt in Umfragen hinter dem Oppositionspolitiker Péter Magyar und seiner Tisza-Partei. Wie Euronews berichtet, hat Orbán den Ukraine-Streit zum zentralen Wahlkampfthema auserkoren. Bei einem Nationalen Feiertag in Budapest sagte er: „Es ist Zeit, dass Kyjiw und Brüssel verstehen, dass unsere Söhne nicht für die Ukraine sterben werden, sondern für Ungarn leben.“ Euronews Er warf der Ukraine und der EU vor, einen Regimewechsel in Ungarn anzustreben.
Selbst Orbáns Gegner Magyar distanzierte sich von Selenskyjs Aussagen: Der Streit um die Energieversorgung sei „eine nationale Frage, die über Parteipolitik steht.“
Oschadbank-Vorfall als Eskalationsschritt
Wenige Tage nach Selenskyjs Aussage beschlagnahmten ungarische Behörden zwei gepanzerte Geldtransporter mit rund 82 Millionen Dollar an Bargeld und Gold, die von Wien auf dem Weg in die Ukraine waren. Ukrainische Außenminister Sybiha nannte das laut Tagesspiegel „Staatsterrorismus und Schutzgelderpressung“. Selenskyj seinerseits sprach von „Banditenmethoden.“
Wie t-online.de unter Berufung auf Selenskyj berichtet, sieht der ukrainische Präsident nur die EU als Instanz, die Orbán stoppen könne: „Ich weiß nicht, ob in diesem Fall diplomatisches Schweigen wirklich hilfreich ist.“ Budapest und Kiew reden derzeit nicht miteinander.
Quellen:
- Tagesspiegel, „Andernfalls geben wir die Adresse unseren Jungs weiter: Selenskyj droht Orbán mit ukrainischen Soldaten“, März 2026: tagesspiegel.de
- Euronews, „Ungarns Orbán vor Wahl im April: Unsere Söhne sterben nicht für die Ukraine“, 15. März 2026: de.euronews.com
- ZDF, „Selenskyj droht Orbán – Konflikt zwischen Kiew und Budapest“, März 2026: zdfheute.de
- t-online.de, „Ukraine und EU gegen Ungarn: Ihre Geduld mit Orbán ist am Ende“, März 2026: t-online.de
- Weltwoche Deutschland, Redaktion, 17. März 2026: weltwoche.de
Credits: APA
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