Schulstart 2026: Zwischen Sprachkrise in der Stadt und Standortsterben am Land

Schulstart 2026: Zwischen Sprachkrise in der Stadt und Standortsterben am Land

Zwei völlig unterschiedliche Krisen prägen den Start ins neue Schuljahr: Während in Wien immer mehr Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult werden, kämpfen ländliche Regionen mit dem Verschwinden kleiner Schulstandorte. Dazwischen versucht die Regierung mit neuen Modellen gegenzusteuern.

Jeder zweite Wiener Schulanfänger ohne ausreichende Deutschkenntnisse

Besonders deutlich zeigen sich die Probleme beim Schuleintritt selbst. In Wiens öffentlichen Volksschulen galten mit Stichtag 1. Oktober 2025 bereits 50,9 Prozent der Schulanfänger als außerordentliche Schüler, die dem Unterricht wegen ihrer Deutschkenntnisse nicht ausreichend folgen konnten. 2020 waren es noch 41 Prozent. Dabei handelt es sich keineswegs nur um neu zugewanderte Kinder: Fast 60 Prozent der außerordentlichen Schulanfänger wurden in Österreich geboren, rund ein Viertel besitzt bereits die österreichische Staatsbürgerschaft. Viele haben zudem bereits mehr als zwei Jahre Kindergarten besucht. Im Kindergartenjahr 2024/25 wurde bei mehr als 16.800 Kindern Deutschförderbedarf festgestellt – rund ein Drittel erhielt dennoch keine gezielte Förderung durch entsprechende Fachkräfte. In einzelnen Wiener Bezirken ist die Situation noch angespannter: In Margareten starteten 76,6 Prozent der Kinder als außerordentliche Schüler, auch in Favoriten, Brigittenau und Ottakring lagen die Werte teilweise über 70 Prozent.

Klassenwiederholungen als direkte Folge

Die mangelnden Deutschkenntnisse bleiben nicht ohne Folgen für den weiteren Schulweg. Eine Wiener Lehrerin berichtete im Sommer gegenüber „Heute“, dass an ihrer Schule nahe dem Gürtel mehr als ein Viertel der Erstklässler die Klasse wiederholen müsse – in ihrer dritten Klasse habe bereits rund ein Drittel der Kinder mindestens einmal eine Schulstufe wiederholt. Auch die offiziellen Zahlen belegen das Ausmaß: Rund 5.500 Wiener Volksschulkinder wiederholten im vergangenen Schuljahr eine Schulstufe, das entspricht etwa 7,6 Prozent aller Schüler im Primarbereich. Für Lehrkräfte entstehen dadurch erhebliche Leistungsunterschiede innerhalb einzelner Klassen – während manche Kinder Texte verstehen und selbstständig arbeiten können, kämpfen andere noch mit einfachen Arbeitsaufträgen oder dem sinnerfassenden Lesen.

Neue Regeln bei Suspendierungen

Fehlende Sprachkenntnisse sind nur ein Teil der Herausforderungen. Ab dem neuen Schuljahr werden suspendierte Schüler nicht mehr lediglich für einige Tage vom Unterricht ausgeschlossen: Ab einer Suspendierungsdauer von vier Tagen sind verpflichtende Reintegrationsmaßnahmen vorgesehen. Bis zu zehn Stunden pro Woche sollen Betroffene an psychosozialen Maßnahmen oder Projekten teilnehmen, zusätzlich sind maximal zehn Unterrichtsstunden vorgesehen. Für jedes suspendierte Kind wird ein eigener Förderplan erstellt, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und bei Bedarf externe Organisationen sollen eingebunden werden.

Kopftuchverbot als neues Konfliktfeld

Neben Sprache und Verhalten rücken zunehmend auch religiöse und gesellschaftliche Konflikte in den Fokus. Mit dem Schuljahr 2026/27 gilt für Mädchen unter 14 Jahren an öffentlichen und privaten Schulen ein Verbot islamischer Kopfbedeckungen. Bei Verstößen kann ein Verwaltungsstrafverfahren folgen, in letzter Konsequenz sind Geldstrafen zwischen 150 und 800 Euro möglich. Islamismusforscher warnen seit Jahren vor religiösem und sozialem Druck auf Mädchen; Untersuchungen aus Deutschland dokumentierten Fälle, in denen Schülerinnen wegen vermeintlich zu freizügiger Kleidung beleidigt oder ausgegrenzt wurden. Auch die frühere österreichische Werte-Ombudsfrau Susanne Wiesinger berichtete von entsprechendem Druck unter Schülerinnen. Die Regierung begründet das Verbot mit dem Schutz minderjähriger Mädchen, ob die Regelung vor dem Verfassungsgerichtshof hält, dürfte allerdings erneut zum Thema werden.

Regierung reformiert Deutschförderung

Gerade bei der größten Baustelle, den Deutschkenntnissen, ändert sich mit dem neuen Schuljahr einiges: Schulen müssen künftig nicht mehr automatisch ab acht außerordentlichen Schülern eigene Deutschförderklassen oder -gruppen bilden. Etwas mehr als die Hälfte der Schulen setzt stattdessen auf schulautonome Modelle, bei denen die Förderung stärker im Klassenverband stattfinden kann. Auch beim Sprachtest MIKA-D gibt es Änderungen: Schüler, die in allen Fächern positiv beurteilt werden und eine entsprechende Leistungsprognose erhalten, können künftig unter bestimmten Voraussetzungen trotz eines nur „mangelhaften“ Deutsch-Ergebnisses aufsteigen – bei einem „ungenügenden“ Ergebnis muss die Schulstufe weiterhin wiederholt werden. Zusätzlich erhalten 400 Volks- und Mittelschulen mit besonders hohem Förderbedarf mehr Personal: Insgesamt sind rund 800 zusätzliche Vollzeitäquivalente vorgesehen, von Lehrkräften über Schulpsychologen und Sozialarbeiter bis zu Spezialisten für Legasthenie und Dyskalkulie.

Am Land verschwinden kleine Schulen

Während vor allem Wiener Schulen mit Sprachdefiziten und Integrationsfragen kämpfen, steht das Bildungssystem außerhalb der Städte vor einem gänzlich anderen Problem: Im Schuljahr 2026/27 werden drei Standorte in Oberösterreich und drei in der Steiermark geschlossen oder zusammengelegt, in Salzburg wird die Polytechnische Schule Neumarkt zumindest für ein Jahr stillgelegt. Österreichweit gibt es weiterhin zahlreiche sehr kleine Schulen: Im Schuljahr 2024/25 hatten 45 Standorte höchstens zehn Schüler, weitere 308 zwischen elf und 25. Die Länder setzen deshalb zunehmend auf Schulcluster, in denen Personal und Verwaltung mehrerer Standorte gemeinsam organisiert werden.

Mehr Transparenz ab Herbst geplant

So unterschiedlich die Probleme in Stadt und Land auch sind, sie treffen letztlich dasselbe Schulsystem. Ab Oktober sollen erstmals standortbezogene Schuldaten veröffentlicht werden – und damit genauer sichtbar machen, wie unterschiedlich die tatsächlichen Herausforderungen an Österreichs Schulen tatsächlich ausfallen.

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