Der neuer Vorstoß von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) sorgt für helle Aufregung im österreichischen Bildungssystem. Der Plan: Lehrpläne an den AHS-Oberstufen sollen modernisiert werden. Das bedeutet konkret: Mehr Platz für Fächer wie künstliche Intelligenz (KI) und Informatik, dafür könnten Stunden in Latein und der zweiten lebenden Fremdsprache gestrichen werden. Die Idee entfacht eine hitzige Debatte, die quer durch die politischen Lager und Expertenkreise geht.
Minister will Schule für das 21. Jahrhundert
In der „Aktuellen Stunde“ im Nationalrat verteidigte Wiederkehr seine Pläne vehement. Die Gesellschaft habe sich verändert, und die Schule müsse mitziehen. „Das Ziel des Humanismus war immer, den Menschen zu befähigen, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden“, erklärte der Minister. Heute gebe es eben „andere Themen als noch vor 30 Jahren“. Es gehe ihm nicht darum, die humanistische Bildung abzuschaffen, sondern sie zu aktualisieren. Um Schüler und Lehrer nicht zu überlasten, müsse aber etwas reduziert werden, wenn Neues hinzukommt. Es sollen im Gegenzug Fächer wie „Medien und Demokratie“ neu eingeführt werden.
Laut ORF sollen die Lateinstunden in der Oberstufe von derzeit zwölf auf acht Stunden gekürzt werden. Das bedeutet für die meisten Schüler nur noch zwei statt drei Wochenstunden. Ein Vorschlag, der nicht überall gut ankommt.
Heftiger Gegenwind von Opposition und Lehrern
Besonders die FPÖ zeigt sich empört. Bildungssprecher Hermann Brückl sprach von einer „einzigen pinken PR-Show“ und warf Wiederkehr vor, einen „Trümmerhaufen“ in der Bildungspolitik zu produzieren. „Wer Latein abwertet, handelt fahrlässig gegenüber unseren Kindern“, so Brückl. Gerade die analytische Tiefe, die Latein vermittle, sei essenziell, um KI überhaupt zu verstehen.
Auch die AHS-Lehrervertretung reagierte entsetzt. AHS-Gewerkschafter Herbert Weiß bezeichnete die Pläne im Ö1-Mittagsjournal als „Anschlag auf das Gymnasium“. In Zeiten der Globalisierung bei Sprachen zu kürzen, sei der falsche Weg.
Koalitionspartner zeigen sich skeptisch
Die Koalitionspartner ÖVP und SPÖ halten sich noch bedeckt, zeigen aber Gesprächsbereitschaft. ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti betonte, man müsse zwar über zeitgemäße Lehrpläne nachdenken, doch sprachliche Bildung und eine gute Allgemeinbildung seien die Basis für alles Weitere. SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer mahnte, dass es nicht um Ideologien gehen dürfe, sondern um mehr Chancengerechtigkeit.
Während die Industriellenvereinigung den Vorstoß als „ersten Schritt zu einem zukunftsfähigen Fächerkanon“ lobt, bleibt Bildungsexperte Andreas Salcher gegenüber der „Krone“ skeptisch. Er habe schon viele Ankündigungen gehört, aber es fehle oft am Mut zur Umsetzung.
Die Grünen, vertreten durch Sigrid Maurer, finden die Idee „mehr KI und weniger Latein“ zwar prinzipiell gut, kritisieren aber das Vorgehen des Ministers. Es bleibe oft bei Ankündigungen, die dann vom Koalitionspartner blockiert werden. Ob die große Schulreform also kommt oder im politischen Geplänkel stecken bleibt, werden die nächsten Wochen zeigen.
Quellen: oe24.at, orf.at, kleinezeitung.at, krone.at
Credits: APA
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