Angesichts der teuren NATO-Vorgabe, künftig fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung auszugeben, erwägt die italienische Regierung eine kreative Lösung: Der geplante Bau einer 13,5 Milliarden Euro teuren Brücke über die Straße von Messina nach Sizilien soll als militärische Infrastruktur gewertet werden.
Italien zählt zu den NATO-Mitgliedern mit den niedrigsten Militärausgaben – 2024 lag der Anteil lediglich bei 1,49 Prozent des BIP. Das Erreichen der von der US-Regierung forcierten Zielmarke von fünf Prozent bis 2035 wirkt deshalb für viele in Rom unrealistisch. Doch durch die Einstufung der Megabrücke als sicherheitsrelevantes Projekt könnten Investitionen plötzlich „verteidigungsfähig“ werden, berichtet aktuell das Politikmagazin Politico.
Die Regierung unter Premierministerin Giorgia Meloni treibt das seit Jahrzehnten umstrittene Vorhaben mit neuer Energie voran. Die Brücke mit einer Hauptspannweite von 3,3 Kilometern wäre die längste Hängebrücke der Welt. Unterstützt wird sie von Vizepremier und Außenminister Antonio Tajani sowie Infrastrukturminister Matteo Salvini. Beide argumentieren, dass das Bauwerk nicht nur wirtschaftlich, sondern auch strategisch bedeutsam sei.
In einem Regierungsbericht vom April hieß es bereits, die Brücke sei für „nationale und internationale Sicherheit“ von zentraler Bedeutung, da sie den schnellen Truppentransport von NATO-Partnern durch Italien ermögliche. Sie solle sogar in die EU-Finanzierungsstrategie zur militärischen Mobilität aufgenommen werden.
Ein hochrangiger Beamter des Finanzministeriums bestätigte, dass noch keine offizielle Entscheidung gefallen sei, die Brücke als NATO-Projekt einzustufen, doch Verhandlungen stünden bevor. Die Einstufung könnte nicht nur bürokratische Hürden umgehen, sondern auch Klagen von lokalen Behörden verhindern, die um Umwelt und Eigentum fürchten. Zudem würde dies die Finanzierung erheblich erleichtern – ein strategischer Schachzug angesichts wachsender Sparzwänge.
Politisch hoch umstritten
Kritiker bezweifeln den militärischen Nutzen der Brücke. Der Meeresarm zwischen Kalabrien und Sizilien liegt außerhalb der von der NATO definierten Mobilitätskorridore, die hauptsächlich den Osten Europas betreffen. Auch die USA halten sich bisher bedeckt: Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag im Juni reagierten US-Delegierte mit einem Lächeln – eine Stellungnahme blieb aus.
Während Tajani betont, dass Sicherheit heute „mehr als nur Panzer“ bedeute, sieht Salvini das Projekt als Chance, seine rechtspopulistische Lega von einer Regional- zu einer gesamtitalienischen Partei zu transformieren. „Sizilien ist eine NATO-Plattform“, so Tajani. Die Infrastruktur sei auch „strategisch sicherheitsrelevant“, ergänzt Salvini.
Bekommt Sizilien ab Juli die „Berlusconi-Brücke“?
Doch die Opposition ist empört: Der Europaabgeordnete Giuseppe Antoci (5-Sterne-Bewegung) nennt das Vorhaben einen „Hohn gegenüber den Bürgern und den NATO-Verpflichtungen“. In Süditalien fehle es an elementarer Infrastruktur: kaputte Straßen, marode Krankenhäuser, unzuverlässiger Nahverkehr – während Milliarden für eine „Prestigebrücke“ ausgegeben werden sollen.
Trotz allem will die Regierung im Juli die finale Genehmigung durchsetzen. Und Tajani hat bereits einen symbolträchtigen Namensvorschlag: Die Brücke solle nach Ex-Premier Silvio Berlusconi benannt werden – einem Mann, der eher durch Skandale als durch Bauprojekte in Erinnerung geblieben ist.
Credits: APA
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