Die Bundesregierung jubelt über den Inflationsrückgang auf zwei Prozent. Doch der dramatische Rückgang von 3,8 auf 2 Prozent innerhalb eines Monats geht vor allem auf statistische Effekte zurück – nicht auf Regierungsmaßnahmen.
Statistischer Trick statt echter Erfolg
Im Jänner 2026 liegt die Inflation laut Schnellschätzung der Statistik Austria bei 2,0 Prozent – im Dezember waren es noch 3,8 Prozent. Ein beeindruckender Rückgang, den Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) als „Trendumkehr“ feiert. „Das zeigt klar: Die Teuerung verliert nicht nur an Dynamik, sie ist wieder in einem Bereich angekommen, der Verlässlichkeit schafft“, erklärt er.
Doch was der Kanzler als Erfolg verkauft, ist in Wahrheit primär ein statistischer Basiseffekt. Die Statistik Austria macht in ihrer Mitteilung deutlich: „Ausschlaggebend für die im Vergleich zu 2025 niedrigere Teuerung war das Ende des Basiseffektes bei Strom und Preisrückgänge bei Energie generell.“
Was der Basiseffekt wirklich bedeutet
Der entscheidende Faktor: Die Strompreisbremse lief mit Jahresbeginn 2025 aus. Dadurch stiegen die Strompreise im Jänner 2025 sprunghaft an – um satte 45 Prozent, wie aus der OeNB-Interimsprognose hervorgeht. Dieser Preisschub trieb die Inflation 2025 künstlich nach oben.
Im Jänner 2026 fällt dieser Vergleichseffekt nun weg. Das Institut für Höhere Studien (IHS) rechnet alleine durch diesen Basiseffekt mit einem Inflationsrückgang von 0,8 Prozentpunkten. Anders gesagt: Der Großteil des Rückgangs passiert automatisch – ganz ohne Zutun der Regierung.
Hinzu kommen die im Jänner 2026 gesenkte Energieabgabe und der reduzierte Erneuerbaren-Förderbeitrag. Allein der Preisrückgang von 4,9 Prozent im Bereich Energie dämpfte die Inflationsrate um 1,2 Prozentpunkte im Vergleich zum Vormonat, wie die Statistik Austria berichtet.
Regierung auf der Schulter-Klopf-Tour
Trotz dieser klaren Faktenlage inszeniert sich die Dreier-Koalition als Inflations-Bekämpfer. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) behauptet: „Wir haben die Teuerungskrise gebrochen. Die Inflation ist auf zwei Prozent gesunken, das ist die Bestätigung für den Regierungskurs.“
Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) versucht, die Regierungsleistung größer zu rechnen: „Der Rückgang der Inflationsrate geht deutlich über den Basiseffekt des Preisschubs durch die ausgelaufene Strompreisbremse hinaus.“
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) spricht von einem „Grund zum Optimismus“, und NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger freut sich, dass der Rückgang „bestätigt, dass wir an den richtigen Stellschrauben drehen.“
Opposition nennt es „Volksverhöhnung“
Die Opposition sieht das anders. FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch bezeichnet die Reaktion der Regierung als „billiges Taschenspielertrick-Manöver“. „Die Menschen können sich das Leben nicht mehr leisten, der Wohlstand schmilzt wie Schnee in der Sonne, und der Herr Kanzler feiert einen simplen statistischen Basiseffekt als seinen politischen Sieg. Das ist keine Politik für die Bürger, das ist reine Volksverhöhnung.“
Auch die Grünen üben Kritik. Vize-Klubchefin Sigrid Maurer: „Die Inflation sinkt und das ist gut. Aber dass sich die Regierung jetzt selbst für die gesunkene Inflation auf die Schultern klopft, ist ziemlich frech.“ Die Regierung habe „mit ihren Preiserhöhungen bei Gebühren und Öffis sowie dem Auslaufenlassen aller preisdämpfenden Maßnahmen, wie beispielsweise der Strompreisbremse, die Menschen im Land ein Jahr länger an der überhöhten Inflation leiden lassen.“
Die unbequeme Wahrheit
Tatsächlich lag die Inflation 2025 im Jahresschnitt bei 3,6 Prozent – deutlich über dem EU-Durchschnitt. Das IHS beziffert den Einfluss der Regierungsmaßnahmen auf die prognostizierte Jahresinflation 2026 von 2,2 Prozent mit rund 0,7 Prozentpunkten. Der Basiseffekt der Strompreisbremse macht hingegen 0,8 Prozentpunkte aus.
Statistisch betrachtet hatte also der automatische Wegfall des Vergleichseffekts einen größeren Einfluss auf die sinkende Inflation als die konkreten Maßnahmen der Regierung.
Dienstleistungen bleiben Preistreiber
Zudem zeigt die Statistik Austria, dass die Probleme nicht gelöst sind. Dienstleistungen verteuerten sich mit 3,8 Prozent weiterhin deutlich. Nahrungsmittel, Tabak und Alkohol stiegen um 2,7 Prozent. Das allgemeine Preisniveau bleibt hoch – auch wenn die Inflationsrate sinkt.
Manuela Lenk, Generaldirektorin der Statistik Austria, formuliert es nüchtern: „Damit sinkt die Teuerung in Österreich nach den hohen Inflationsraten des Jahres 2025 wieder auf die Werte der zweiten Jahreshälfte 2024.“
Anders gesagt: Wir sind zurück beim Status von vor einem Jahr. Das als Durchbruch zu verkaufen, ist gewagt.
Jubel am falschen Platz
Natürlich ist ein Inflationsrückgang positiv für die Bevölkerung. Und natürlich haben auch Regierungsmaßnahmen einen Beitrag geleistet. Doch der Großteil des dramatischen Rückgangs von 3,8 auf 2 Prozent ist ein statistischer Effekt – kein politischer Erfolg.
Sich dafür auf die Schulter zu klopfen, als hätte man die Teuerung „gebrochen“, ist nicht nur übertrieben, sondern irreführend. Die Menschen spüren weiterhin die hohen Preise im Alltag. Der Wohlstandsverlust der vergangenen Jahre ist nicht rückgängig gemacht.
Eine ehrliche Kommunikation würde anerkennen: Ja, die Inflation sinkt. Nein, das ist nicht primär unser Verdienst. Und ja, wir haben noch viel zu tun, um die Kaufkraft der Menschen wiederherzustellen.
Quellen:
- Statistik Austria
- Institut für Höhere Studien (IHS)
- Oesterreichische Nationalbank (OeNB)
- Der Standard
- ORF.at
- Meinbezirk.at
- Weekend.at
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