Putin kurz vor NATO-Angriff? Warum solche Alarmrufe mittlerweile zum Alltag gehören

Putin kurz vor NATO-Angriff? Warum solche Alarmrufe mittlerweile zum Alltag gehören

Kaum vergeht eine Woche ohne neue Horrormeldungen: Russland steht angeblich kurz davor, die NATO anzugreifen. Dieses Mal ist es laut oe24.at eine Aussage von Generalleutnant Alexander Sollfrank, Chef des operativen Führungskommandos der Bundeswehr, der in einem am Freitag veröffentlichten Reuters-Interview warnt, Putin könne schon morgen zuschlagen. Kein Zweifel, die Schlagzeilen schreien „Alarmstufe Rot!“ – doch wie oft wurden solche Szenarien bereits beschworen? Und wie realistisch sind sie wirklich?

Ein Déjà-vu der Warnungen

Seit Jahren warnen diverse Geheimdienste und Militärs vor einer russischen Attacke auf NATO-Gebiet. Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes Martin Jäger sagte jüngst, man dürfe sich nicht in der Illusion wiegen, ein Angriff käme frühestens 2029. Das Risiko sei schon jetzt da, man stehe „im Feuer“ (MDR). Andere Experten geben den gleichen Tenor wieder – doch bisher blieb ein solcher Angriff (zum Glück) aus.

Tatsächlich kursiert die Warnung, Russland könne jederzeit zuschlagen, seit Jahren in Gesprächen und Medien. 2023, 2024, 2025 – überall tauchte dieselbe Drohung auf, als ob man das Publikum ständig auf Trab halten müsste. Warum? Einerseits ein Aufruf, die Verteidigungsbereitschaft zu erhöhen, andererseits ein Werkzeug politischer Abschreckung und öffentlicher Beeinflussung. Das wirkt oft wie ein Schuss nach vorne, der nach einem Echo verlangt.

Warum sollte Russland die NATO angreifen?

Dann stellt sich die Frage: Was hätte Russland davon? Die NATO ist militärisch überlegen, gut vorbereitet und vom Prinzip her ein Verteidigungsbündnis. Ein offener Angriff auf die NATO wäre der Schritt in einen ausgewachsenen Weltkrieg. Dieses Risiko erscheint irrational, da die eigene Versorgungslage Russlands angespannt ist, die Wirtschaft unter Druck steht und der Ukraine-Krieg enorme Ressourcen bindet.

Putin sieht seinen Krieg gegen die Ukraine wohl vor allem als „Sicherheitsmaßnahme“ gegen eine erweiterte NATO, die er als Bedrohung darstellt (Wikipedia: Russischer Überfall auf die Ukraine). Aber ein groß angelegter Angriff auf NATO-Gebiet würde alle roten Linien sprengen – und das Kalkül dahinter ist mehr als fraglich. Viele Experten sehen einen solchen Schritt eher als politisches Wunschdenken mancher Alarmisten oder als psychologische Kriegsführung.

Die hybride Kriegsführung: Phase 0

Was aber statt eines offenen Kriegs passiert, ist ein „hybrider Krieg“: Sabotage, Cyberangriffe, Desinformationskampagnen und gezielte Provokationen, um Unsicherheit zu stiften, die NATO zu destabilisieren und Angst in der Bevölkerung zu schüren (ISW, 20min). Das ist die derzeitige Realität – und bei Weitem nicht so dramatisch wie eine Invasion im großen Stil.

Wie seriös sind solche Warnungen?

Ein Teil dieser Warnungen lässt sich auch als politische Instrumentalisierung verstehen: Sie halten die Bevölkerung auf Trab, rechtfertigen höhere Militärbudgets und zeigen Stärke gegenüber einem Gegner, dessen Aktionen durchaus bedrohlich sind, aber längst nicht in Kampfformation für einen NATO-Angriff stehen.

Der Verteidigungsminister Pistorius und andere ranghohe Militärs warnen, Russland könnte NATO-Gebiet angreifen, aber meist im Zeithorizont bis 2029, was genug Zeit für Abwehrmaßnahmen lässt (Tagesschau). Dass nun ein Experte „morgen“ ruft, öffnet zwangsläufig die Tür zur Frage, ob hier nicht eher Panik geschürt wird – statt nüchtern über Risiken und Strategien zu sprechen.

Credits: APA

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