Postenschacher-Affäre um Kammerchef Ruck: Kickl attackiert schweigenden Babler

Postenschacher-Affäre um Kammerchef Ruck: Kickl attackiert schweigenden Babler

Ein geleaktes Gesprächsprotokoll bringt Wiens Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck (ÖVP) massiv unter Druck – und sorgt für einen politischen Schlagabtausch, bei dem FPÖ-Chef Herbert Kickl gezielt Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) ins Visier nimmt.

Ein Politbeben am Freitagvormittag

Ausgelöst wurde die Affäre durch Berichte von „Profil“ und der „Kronen Zeitung“, denen ein Gesprächsprotokoll aus dem Jahreswechsel 2025/26 vorliegt. Details zu Ort und weiteren Gesprächsteilnehmern wurden aus Gründen des Informantenschutzes nicht veröffentlicht. Im Zentrum der Vorwürfe steht die Bestellung des früheren ÖVP-Gemeinderats Manfred Juraczka zum zweiten Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien – ein mit 14.000 Euro brutto monatlich dotierter Posten, der laut dem Protokoll ohne öffentliche Ausschreibung vergeben worden sein soll. Laut „profil“ soll Juraczka Ruck bei einem gemeinsamen Essen im Schweizerhaus um Job-Unterstützung gebeten haben, woraufhin sich Ruck direkt an Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) gewandt haben soll: „Du, Michi, im Übrigen, ich habe einen – den Manfred Juraczka.“ Für Walter Ruck gilt die Unschuldsvermutung.

Auch die eigene Familie soll profitiert haben

Das Protokoll dokumentiert laut übereinstimmenden Berichten noch weitere Fälle mutmaßlicher Einflussnahme. So soll Ruck auch die politische Karriere seines Sohnes Alexander vorangetrieben haben, indem er die damalige Döblinger ÖVP-Gemeinderätin Margarete Kriz-Zwittkovits zum Rückzug bewegte, damit sein Sohn als Spitzenkandidat antreten konnte. Zusätzlich soll sich Ruck laut dem Protokoll abfällig über Wiens Finanzstadträtin Barbara Novak (SPÖ) geäußert haben: „Heast, ich will nicht mit einer Frau. Da kann ich nicht in den Weinkeller runtergehen, was ist des?“

Kickls scharfe Reaktion

Die Enthüllungen erreichten noch am selben Tag FPÖ-Chef Herbert Kickl, der in einer Aussendung von „Machtmissbrauch, Postenschieberei“ und „tiefster Verachtung für die eigenen Mitglieder“ sprach. Ruck sei nach diesen Enthüllungen „politisch untragbar“ und müsse sofort zurücktreten, so der Freiheitliche. Er ortet darin den „tiefen Sumpf der schwarz-roten Proporzwirtschaft“ und wirft dem Kammerpräsidenten vor, wie ein „absolutistischer Fürst“ Posten zu verschachern, „als wären es seine persönlichen Lehen“. Als Konsequenz fordert Kickl zudem die Abschaffung der Kammerbeiträge, die aus seiner Sicht nur „Paralleluniversen für abgehobene Funktionäre“ schaffen würden.

Der gezielte Seitenhieb gegen Babler

Besonders pointiert richtete Kickl seine Kritik auch an die beiden Regierungsspitzen. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) müsse sich fragen, ob dies der „neue Stil“ sei, den er versprochen habe. Deutlicher wurde Kickl gegenüber Babler: Der SPÖ-Chef verbreite bei jeder Gelegenheit „Klassenkampfparolen“, schweige aber, „wenn seine Wiener Genossen bei diesem schmutzigen Spiel“ mitmachten – eine Anspielung auf die Rolle von Bürgermeister Ludwig in der Causa Juraczka. Eine öffentliche Stellungnahme Bablers zu den Vorwürfen lag bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht vor.

Kritik auch von den Grünen

Nicht nur die FPÖ übte scharfe Kritik. Wie MeinBezirk.at berichtet, sprach der Wiener Grünen-Vorsitzende Peter Kraus von „Politik von gestern“, die 2026 völlig inakzeptabel sei, weil einzelne Männer Ämter und Einfluss unter sich aufteilten. Die grüne Frauensprecherin Julia Malle sah in den Berichten zudem ein sexistisches Frauenbild offenbart, das mit einem modernen Verständnis von Gleichstellung unvereinbar sei. Auch auf Bundesebene forderten die Grünen Rucks Rücktritt, mit Verweis auf einen drohenden Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Politik durch parteipolitische Absprachen.

Wie die Betroffenen reagieren

Sowohl Ruck als auch die weiteren Beteiligten wiesen die Vorwürfe zurück oder relativierten sie. Gegenüber dem ORF erklärte Ruck, die Wirtschaftsagentur Wien sei ein gemeinsames Projekt von Stadt und Wirtschaftskammer, weshalb Letzterer für den zweiten Geschäftsführerposten ein informelles Vorschlagsrecht zukomme – Juraczka sei aufgrund seiner Qualifikation und Kenntnis der Wiener Landes- und Wirtschaftspolitik vorgeschlagen worden. Aus dem Büro von Bürgermeister Ludwig hieß es, es sei seit Gründung der Wirtschaftsagentur gelebte Praxis, dass die Wirtschaftskammer den zweiten Geschäftsführer vorschlage – eine öffentliche Ausschreibung sei laut Stellenbesetzungsgesetz ohnehin nur für die Position des ersten Geschäftsführers vorgeschrieben gewesen. Juraczka selbst wollte sich zum Inhalt des Gesprächs nicht äußern und verwies auf die grundsätzliche Vertraulichkeit persönlicher Unterhaltungen. Zur Kritik am angeblich problematischen Frauenbild erklärte Ruck, für ihn zähle bei Personalentscheidungen ausschließlich Kompetenz.

Weitere Enthüllungen bereits angekündigt

Die aktuellen Vorwürfe treffen Ruck in einer ohnehin angespannten Phase: Bereits zuvor stand der Kammerpräsident wegen mutmaßlicher Postenvergaben an Familienmitglieder unter Druck. Laut Heute.at sollen die bisherigen Informationen zudem nicht die letzten gewesen sein – in den kommenden Tagen werden weitere Enthüllungen erwartet, unter anderem zu möglichen Grundstücksdeals.

Credits: Parlamentsdirektion/​Thomas Topf

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