Patriot statt Papier: Selenskyj will Raketen, keine Lizenzen

Patriot statt Papier: Selenskyj will Raketen, keine Lizenzen

Ein freundlicher Handschlag, ein positives Gespräch im Oval Office – und trotzdem bleibt die entscheidende Frage offen. Bekommt die Ukraine rechtzeitig genug Luftabwehr für den kommenden Winter? Bei seinem jüngsten Besuch in Washington ging es für Wolodymyr Selenskyj vor allem um eines: Patriot-Raketen.

Ein „gutes Treffen“ im Oval Office

Nach gut einer Stunde Gespräch hinter verschlossenen Türen zeigte sich Selenskyj zufrieden. „Der Präsident und ich haben über Lizenzen zur Herstellung von Patriot-Abfangraketen gesprochen sowie über mehrere andere Ideen, die helfen könnten“, schrieb er im Anschluss auf X, wie unter anderem die Nachrichtenplattform Kyiv Independent dokumentiert. Auch die Wiederbelebung der ins Stocken geratenen Diplomatie mit Russland sei Thema gewesen. Medien vor Ort waren zu dem Treffen nicht zugelassen. Es war bereits die zweite Begegnung der beiden Präsidenten in diesem Monat, nachdem Trump beim NATO-Gipfel in Ankara angekündigt hatte, der Ukraine eine Lizenz zur eigenen Produktion von Patriot-Systemen zu erteilen, berichtet die Nachrichtenagentur AP.

Warum eine eigene Produktion das Winterproblem nicht löst

So wichtig eine eigene Fertigung für die Ukraine langfristig wäre – den akuten Engpass beseitigt sie nicht. Der Aufbau entsprechender Kapazitäten dürfte Monate dauern, und selbst danach werden die Stückzahlen den Bedarf gegen russische Raketenangriffe voraussichtlich kaum decken, wie exxpress.at einordnet. Wie groß der Bedarf tatsächlich ist, hatte Selenskyj bereits Mitte Juli klargemacht: Für die drei Wintermonate benötige die Ukraine mindestens 300 Patriot-Abfangraketen, um Städte, Kraftwerke, Stromnetze und militärische Anlagen zu schützen. Bis eine eigene Produktion anläuft, bleibt Kiew daher auf Lieferungen aus den USA und von anderen Partnern angewiesen.

Sanktionsgesetz nach Lindsey Graham benannt

Neben der Luftabwehr stand während Selenskyjs eintägigem Besuch ein zweites großes Thema auf der Agenda: neue Sanktionen gegen Russlands wichtigste Energiekunden. Der US-Senat stimmte am Abend des 28. Juli mit deutlicher Mehrheit von 86 zu 12 Stimmen dafür, den „Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026“ voranzubringen, wie der Kyiv Independent berichtet. Das Gesetz soll Präsident Trump ermöglichen, gegen die fünf größten Abnehmer russischer Energieträger sowie gegen fünf zentrale Akteure bei der Umgehung bestehender Energiesanktionen vorzugehen – im Fokus stehen dabei vor allem China und Indien, die zu den größten Käufern russischen Erdöls zählen. Benannt ist der Gesetzesentwurf nach dem kürzlich verstorbenen republikanischen Senator Lindsey Graham, der die Initiative über Monate vorangetrieben hatte und im Kongress als wichtiger Fürsprecher der Ukraine galt. Die Abstimmung fiel bewusst auf den Tag von Grahams Trauerfeier, an der auch Trump und Selenskyj teilnahmen.

Von der Eiszeit zur Partnerschaft

Der aktuelle Termin markiert einen bemerkenswerten Kontrast zum ersten Treffen der beiden im Oval Office im Februar 2025, das mit scharfen gegenseitigen Vorwürfen und offener Verstimmung endete. Seither haben sich Trump und Selenskyj mehrfach getroffen – zuletzt beim G7-Gipfel in Évian und beim NATO-Gipfel in Ankara – und der Ton hat sich spürbar entspannt, wie die Nachrichtenagentur AP feststellt. Nach dem jüngsten Gespräch dankte Selenskyj den USA für die „feste Unterstützung“; nach Angaben mit dem Treffen vertrauter Personen sei zudem vereinbart worden, dass Trumps Gesandte Steve Witkoff und Jared Kushner künftig nach Kiew reisen sollen.

Zwischen Symbolik und konkreter Hilfe

Politisch war der Besuch für Selenskyj zweifellos ein Erfolg: Die Beziehungen zu Washington wirken so stabil wie lange nicht. Ob daraus rechtzeitig vor dem Winter auch konkrete Waffenlieferungen werden, ist die eigentliche offene Frage. Denn eine Produktionslizenz allein wärmt in den kommenden Monaten keine ukrainische Wohnung – dafür braucht es die Raketen selbst, und zwar bald.

Credits: BKA, Christopher Dunker

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest

0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x