Paralleljustiz in Großbritannien: Wenn Ehrenmorde straflos bleiben

Paralleljustiz in Großbritannien: Wenn Ehrenmorde straflos bleiben

Fast 3.000 registrierte „Ehrenverbrechen“ – und gerade einmal 95 Angeklagte. Die neuesten britischen Regierungsdaten lösen eine heftige Debatte über Scharia-Räte und das Versagen des Staates aus.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Wie der Daily Telegraph unter Berufung auf frisch veröffentlichte Regierungsdaten berichtet, wurden im Jahr 2025 in Großbritannien insgesamt 2.949 sogenannte Ehrenverbrechen registriert. Dazu zählen Zwangsehen, Ehrenmorde und weibliche Genitalverstümmelung. Strafrechtlich verfolgt wurden davon lediglich 95 Täter – eine Anklagequote von unter drei Prozent.

Der Trend ist dabei kein Zufall des Jahres: Auch zwischen 2022 und 2024 wurden von 5.763 gemeldeten Straftaten weniger als 150 Personen angeklagt. Allein bei Zwangsverheiratungen verzeichnete die Polizei zwischen 2020 und 2025 insgesamt 766 Fälle – nur 118 davon mündeten in eine Anklage.

Besonders erschreckend: Weibliche Genitalverstümmelung ist in England und Wales seit fast 40 Jahren verboten. Dennoch gab es bis heute lediglich drei strafrechtliche Verurteilungen – obwohl die Metropolitan Police allein zwischen 2015 und 2024 über 1.000 Anzeigen verzeichnete.

85 Scharia-Räte – ohne staatliche Kontrolle

Parallel zur geringen Strafverfolgungsquote wächst in Großbritannien die Zahl informeller Scharia-Räte. Schätzungen zufolge sind derzeit bis zu 85 solcher Gremien im Land aktiv. Sie befassen sich primär mit Familienrecht – Scheidung, Wiederverheiratung, Sorgerecht – und operieren dabei vollständig außerhalb des staatlich regulierten Rechtssystems. Denn: Der sogenannte Arbitration Act, der für private Schlichtungsstellen zumindest eine Grundregulierung vorschreibt, gilt für diese Räte nicht.

Frühere Untersuchungen, darunter ein BBC-Panorama-Bericht aus dem Jahr 2013, zeigten, dass manche Imame Frauen dazu drängten, häusliche Gewalt nicht zu melden – die Polizei sei nur als „letztes Mittel“ einzuschalten. Zugleich gibt es dokumentierte Fälle, in denen Polizeibeamte Opfer häuslicher Gewalt direkt an Scharia-Räte verwiesen haben, wie aus einer schriftlichen Anhörung vor dem britischen Parlament hervorgeht.

Scharfe Kritik aus der Politik

Der konservative Schatten-Justizminister Nick Timothy macht keinen Hehl aus seiner Einschätzung. Gegenüber dem Daily Telegraph erklärte er, der britische Staat habe bei der Ausbreitung von Scharia-Gerichten „weggesehen“ – und betonte: „Es kann nur eine Rechtsordnung geben.“ Auf X (ehemals Twitter) schrieb Timothy unmissverständlich: „Es gibt keinen Platz in unserem Land für Scharia-Recht, Zwangsehen oder Ehrenverbrechen.“

Die konservative Unterhausabgeordnete Rebecca Paul, Mitglied des parlamentarischen Ausschusses für Frauen und Gleichstellung, formulierte es so: „An diesen Verbrechen ist überhaupt nichts Ehrenhaftes – es sind Angriffe auf Frauen und Mädchen, die es wagen, eigene Entscheidungen zu treffen.“ Sie forderte gezielte Unterstützung für betroffene muslimische Frauen sowie einen entschlosseneren Ansatz bei der gesellschaftlichen Integration.

Das eigentliche Problem: Dunkelziffer und Schweigen

Aktivisten und Kampagnengruppen warnen, dass die offiziellen Zahlen nur die Spitze des Eisbergs zeigen. Viele Opfer trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen – aus Angst vor ihrer Familie, ihrer Gemeinschaft oder schlicht mangels Vertrauen in die Behörden. Wie das britische Parlament in einer eigenen Anhörung festhielt, berichteten Überlebende, dass Sozialarbeiter und Polizisten ihre Schilderungen oft nicht geglaubt haben – was viele davon abschreckte, überhaupt Hilfe zu suchen.

Kampagnenvertreter sprechen offen von einer „Privatisierung der Justiz“ innerhalb bestimmter Gemeinschaften – ein Parallelrechtssystem, das hinter verschlossenen Türen operiert und staatlicher Kontrolle entzogen ist.


Quellen: The Daily Telegraph (22.02.2026), britische Regierungsdaten / Crown Prosecution Service (CPS), Parlamentarische Anhörung zu Scharia-Räten (committees.parliament.uk), GB News, Nick Timothy MP auf X

Credits: APA

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