Der Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat Österreichs Medienwelt aufgerüttelt. Jetzt redet der mächtigste Mann im ORF-Stiftungsrat Klartext – und stellt unbequeme Fragen über die Unternehmenskultur des Senders.
Der Rücktritt, der alles verändert
In den vergangenen Tagen hatte eine ORF-Mitarbeiterin gegenüber dem Generaldirektor Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben – Weißmann bestreitet diese. ORF Trotzdem ist er weg. Am Sonntag informierte Weißmann Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer und seinen Stellvertreter Gregor Schütze persönlich über seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung. OTS
Laut dem von oe24 zitierten Anwalt Oliver Scherbaum war sein Mandant zum Rückzug bereit, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden – obwohl ihm bis heute der genaue vorgebrachte Sachverhalt nicht vorliege. oe24.at
Lederer packt aus: Fotos mit sexualisiertem Inhalt
Am Montagabend trat Stiftungsratschef Heinz Lederer in der ZIB2 vor die Kameras. Was er dort sagte, hat Sprengkraft: Wie oe24 berichtet, sprach Lederer von „Fotos mit bestimmten sexualisierten Inhalten“, die im Zusammenhang mit dem Vorwurf stünden. Der Anwalt der betroffenen Mitarbeiterin habe den Vorwurf der sexuellen Belästigung förmlich erhoben.
Gleichzeitig betonte Lederer ausdrücklich: Für Weißmann gelte die Unschuldsvermutung, solange die Vorwürfe nicht geprüft seien. Was den Stiftungsratschef allerdings sichtlich beschäftigt: Weißmann habe die Chance gehabt, den Sachverhalt zu klären und das vorliegende Ton-, Text- und Bildmaterial auf seine Echtheit prüfen zu lassen – das habe er jedoch nicht getan.
Die betroffene Frau forderte seinen Kopf
Besonders brisant: Wie oe24 unter Berufung auf Lederer berichtet, hatte die betroffene ORF-Mitarbeiterin gegenüber dem Stiftungsrat den Rücktritt Weißmanns explizit gefordert. Kein Detail am Rande – sondern ein klares Signal, das den Ausschlag gegeben haben dürfte.
Weißmanns Anwalt Scherbaum sieht das freilich anders. Die mediale Verbreitung der nicht aufgeklärten Vorwürfe sei eine völlig unangemessene und überschießende Reaktion, die die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten massiv verletze – rechtliche Schritte seien angekündigt. profil
Task Force soll systemische Krise aufarbeiten
Lederer kündigte in der ZIB2 an, dass es beim ORF „volle Transparenz“ geben werde. Und mehr: Eine eigens eingerichtete Task Force soll einen neuen Umgang miteinander etablieren, die Unternehmenskultur unter die Lupe nehmen – und einen Weg aus dem finden, was Lederer selbst als mögliche „systemische Krise“ bezeichnete. Starke Worte für einen öffentlich-rechtlichen Sender mit über einer Milliarde Euro Jahresbudget.
Interimslösung und Nachfolgeplanung
Die amtierende Hörfunkdirektorin Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch die Führung des ORF. Heute.at Am Donnerstag soll der Stiftungsrat sie offiziell mit der vorläufigen Geschäftsführung beauftragen.
Am Fahrplan für die Neubestellung ändert sich vorerst nichts: Die Ausschreibung zur Wahl der Generalintendanz soll ab 1. Mai erfolgen, gewählt wird am 11. August. Nachrichten.at Wer antritt, ist offen. Medienminister Andreas Babler (SPÖ) hatte sich dafür ausgesprochen, dass eine Frau die Nachfolge antritt – Lederer nannte das einen „guten Wunsch“ und betonte, die Ausschreibung sei geschlechterneutral formuliert.
Für Roland Weißmann gilt die Unschuldsvermutung. Die Vorwürfe sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht gerichtlich geprüft.
Credits: APA
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