Hirtenberg, Stein, Eisenstadt, Klagenfurt, Josefstadt: In Österreichs Justizanstalten häufen sich die Todesfälle in einem erschreckenden Tempo. Die Volksanwaltschaft schlägt Alarm — und ein Spitzenjurist spricht von „strukturellem Totalversagen“.
Der Auslöser: Der Tod in Hirtenberg
Den Anstoß zur aktuellen Debatte gab ein Fall, der monatelang geheim gehalten wurde. Am 2. Dezember 2025 befand sich in der Justizanstalt Hirtenberg ein 30-jähriger Österreicher in akuter Psychose. Er sollte in eine Psychiatrie überstellt werden. Untergebracht war er in einem besonders gesicherten Haftraum — mit einem Betonbett und einem Tisch. Wie der Falter als erstes berichtete, verletzte er sich daran schwer. Was bei der anschließenden Überstellung durch zwölf Justizwachebeamte geschah, endete tödlich: Michael L. kam mit massiven Gesichtsverletzungen und einem Schädelbruch ins Spital, wo kurz darauf sein Tod festgestellt wurde. Gegen die beteiligten Beamten wird wegen des Verdachts der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang ermittelt. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.
Wie nachrichten.at berichtet, hatte die Volksanwaltschaft schon 2023 explizit vor den Betonmöbeln in den gesicherten Hafträumen der JA Hirtenberg gewarnt und Liegequader aus Hartschaum empfohlen. Umgesetzt wurde das nicht.
Die Fälle häufen sich — und werden bekannt
Der Fall Hirtenberg ist kein Einzelfall. Wie profil unter Berufung auf eigene Recherchen und Informationen der Volksanwaltschaft berichtet, verstarb im Mai 2025 ein 23-jähriger U-Häftling in der Wiener Josefstadt durch Suizid. Er war wegen eines Tobsuchtsanfalls in U-Haft genommen worden, seine Mutter hatte die Anstaltsleitung ausdrücklich vor Suizidgefahr gewarnt. Ein Bericht der Fachgruppe Suizidprävention im Strafvollzug kommt laut oe24 zum Schluss, dass er ein „Hochrisikofall für Suizid“ gewesen und „nicht ausreichend“ untergebracht war.
Im März 2026 nahm sich ein Häftling im Hochsicherheitstrakt der JA Stein das Leben. Wie profil berichtet, ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt gegen zwei Justizwachebeamte wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs — geprüft wird, ob sie ihre Kontrollpflichten vernachlässigt haben. Ebenfalls im März starb in der JA Eisenstadt ein Insasse bei einem selbst gelegten Zellenbrand. In Klagenfurt wurde am 17. Februar ein Häftling kurz nach dem Duschen leblos aufgefunden — er verstarb vier Tage später im Klinikum. Erst diese Woche wurde der Fall öffentlich bekannt. Laut profil ermittelt die Staatsanwaltschaft Graz.
Volksanwältin: Zahlen auf Jahreshöchststand seit Jahren
Die Häufung ist statistisch alarmierend. Wie Volksanwältin Gaby Schwarz (ÖVP) beim Schwerpunktbericht ihrer Behörde über psychisch kranke Menschen im Strafvollzug erklärte, wurden der Volksanwaltschaft seit Jahresbeginn bis Ende März 2026 bereits sechs Suizide und zwölf Suizidversuche gemeldet — so viele wie im gesamten Jahr 2020. Zum Vergleich: 2019 gab es vier Suizide und neun Versuche; 2025 waren es acht Suizide und 59 gemeldete Versuche.
Schwarz zeigte sich laut meinbezirk.at erschüttert: „Ich wusste, dass die Zustände in den Anstalten prekär sind, aber wie schlimm es war, hat selbst mich schockiert.“ Die Zahl der Suizide und Versuche habe sich seit 2019 verfünffacht. Reinhard Klaushofer, Leiter der Bundeskommission für den Straf- und Maßnahmenvollzug, brachte es auf den Punkt: „Das System implodiert.“
Strafverteidiger fordern grundlegende Reform
Noch schärfer formuliert es Philipp Wolm, Präsident der Vereinigung Österreichischer Strafverteidiger, gegenüber oe24: Er ortet ein „strukturelles Totalversagen“. Wer Minderjährige ohne psychiatrische Betreuung monatelang sich selbst überlasse, wer schwer erkrankte Insassen isoliere statt behandle, nehme „schwere gesundheitliche und psychische Schäden billigend in Kauf“. Das sei nicht nur fachlich unhaltbar, sondern „rechtsstaatlich inakzeptabel.“ Besonders empörend fand Wolm laut oe24 die in der JA Schwarzau kurzzeitig erwogene Unterbringung einer psychisch kranken Insassin in einem Metallkäfig — das ähnle „einem Guantanamo im idyllischen Niederösterreich.“
Die Strafverteidiger fordern Akut-Investitionen in Personal, Ausbildung und psychiatrische Betreuung sowie ein modernes Strafvollzugsgesetz, das Resozialisierung ins Zentrum stellt. Die Volksanwaltschaft hat dem Justizministerium konkrete Empfehlungen übermittelt. Laut menschenundrechte.at hat Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) eine externe Expertenkommission eingesetzt — deren Ergebnisse werden im Juni 2026 erwartet.
Quellen:
- Falter (via nachrichten.at, vienna.at): Insasse der JA Hirtenberg tot (Jänner 2026)
- profil.at: Volksanwältin über Zustände für psychisch kranke Häftlinge schockiert (27.03.2026) — profil.at
- profil.at: Häftling der Justizanstalt Klagenfurt verstorben (27.03.2026) — profil.at
- meinbezirk.at: Menschenrechtsverletzungen im Strafvollzug laut Bericht „Alltag“ (27.03.2026) — meinbezirk.at
- Volksanwaltschaft / APA: JA Hirtenberg: Volksanwaltschaft ortet Versäumnisse im Strafvollzug (Jänner 2026) — vienna.at
- oe24.at: Todesserie in Gefängnissen ist „Totalversagen“ (28.03.2026) — oe24.at
- menschenundrechte.at: Die Spitze des Eisberges – mehrere Todesfälle im Gefängnis (März 2026) — menschenundrechte.at
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